.
.
.
Der 1. Mai 1890 in Königsberg an der Eger
Als im Jahr 1889 am Pariser Internationalen Kongress beschlossen wurde, den 1. Mai 1890 als Demonstration für den Achtstundentag und für bessere Arbeitsbedingungen festzusetzen, gab es in Westböhmen nur sehr schwache Gewerkschafts- und Arbeitsbildungs-Vereine. Der Aufruf fand daher nur geringen Widerhall und es wurde in allen Betrieben noch gearbeitet. In der Tischlerstadt Königsberg a. de. Eger wurde aber doch dieses Aufrufs gedacht, und zwar auf besondere Art.
Josef Kern, schon damals ein überzeugter Sozialist, ging am 1. Mai 1890 ganz allein mit einer roten Nelke geschmückt, am Marktplatz in Königsberg eine Stunde lang auf und ab. Die Leute bleiben verwundert stehen, lachten und sagten, mit dem Kern muss es nicht mehr richtig sein. Schließlich fragte ihn ein Spießbürger, was denn eigentlich sein Auf- und Abgehen mit der roten Nelke bedeute? Ganz resolut antwortete Kern: Heute ist der 1. Mai und ich demonstriere für die Verbesserung der Lage der Arbeiter; heute bin ich allein und ihr könnt mich auslachen, aber in zwei, drei Jahren werdet ihr nicht mehr lachen, ich werde dann nicht mehr allein sein, sondern hunderte Arbeiter werden meinem Beispiel folgen. Kern musste sein Auftreten freilich schwer büßen, er wurde von seinem Arbeitsplatz entlassen, auf die schwarze Liste gesetzt und konnte sich mit seiner Familie nur mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten.
Diese mutige Tat blieb nicht erfolglos. Von Jahr zu Jahr sind die Demonstrationen größer geworden; in den Betrieben wurde nicht mehr gearbeitet und aus den Ortschaften kamen die Arbeiter nicht nur in Königsberg, auch in anderen Städten am 1. Mai zu den Demonstrationsversammlungen, in denen sie ihre Forderungen erhoben. Der 1. Mai wurde zum Arbeiterfeiertag, lange bevor er in einigen Ländern Staatsfeiertag wurde. Der Achtstundentag, die Tarifverträge, die Verbesserung der sozialen Gesetzgebung, die politische Gleichberechtigung wurden verwirklicht. Josef Kern, der 1890 noch verlacht und verhöhnt wurde, konnte es noch erleben, dass im Jahr 1919 die Sozialdemokraten die Mehrheit in der Stadtversammlung erhielten und er neben dem Bürgermeister Georg Eberl zum Stellvertreter gewählt wurde.
Josef Kern ist im Jahr 1930 gestorben, doch seine Tat, die er am 1. Mai 1890 setzte, wird unvergesslich bleiben.
Quelle: Die Brücke 1953