Das Dreiländereck Deutschland – Polen – Tschechische Republik hatte eine wechselvolle nicht immer problemlose Geschichte. Eine Region mit Menschen unterschiedlicher Nationalität, Lebensweise und Grenzen im Kopf als Erbe von Jahrhunderten Nationalstaatsgeschichte. Heute gilt es in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit darum, die Grenzen in den Köpfen der Menschen, in den Strukturen der Verwaltungen und der örtlichen Wirtschaft abzubauen. Immer noch müssen Vorurteile abgebaut und aktiv der Weg zu einem gemeinsamen Lebensraum gesucht werden. CORONA und die jetzigen Grenzkontrollen haben viele Ansätze zunichte gemacht und den ewig gestrigen Auftrieb gegeben. Für viele junge Leute ist dies eine völlig neue „Grenz“-Erfahrung.
Immer wieder wird deutlich, wie wichtig offene Grenzen für die Menschen in der Region sind. Inzwischen sind sie Alltag, egal ob bei der Arbeit, im Urlaub oder beim Katastrophenschutz. Auch das Kulturangebot am Dreiländereck ist vielfältig und reicht von traditionellen Veranstaltungen bis hin zu einem lebendigen kulturellen Austausch an der Grenze zu Polen und Tschechien. Die Referentin Leonie Liemich geriet richtig ins schwärmen als sie davon erzählte.
Die Referentin und die politische Situation
Leonie Liemich, geboren 1986, studierte in Passau, Brno, Berlin und Helsinki Politikwissenschaften, Wirtschaft und Recht mit Fokus auf Mittelosteuropa. Ihr Hauptinteresse gilt verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen, wie z. B. Kommunalpolitik, Arbeitsbedingungen tschechischer Arbeitnehmer, Europa-, Sicherheits- und Außenpolitik in der sozialen Dimension.
„Nach mehr als zehn spannenden Jahren im Ausland, unter anderem bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag, wo ich mit Thomas Oellermann zusammenarbeitete, habe ich mich 2020 entschieden, mich beruflich neu zu orientieren und nach Deutschland zurückzukehren. Dabei habe ich mich bewusst für die Oberlausitz als neuen Lebensmittelpunkt entschieden. Dies nicht nur wegen der Lage Zittaus im Herzen Europas und dem Lausitzer Gebirge sondern auch wegen der Möglichkeit, meine Kinder in einem tri-nationalen Umfeld aufwachsen zu sehen“, so in der Vorstellungsrunde.
Sie arbeitet als Projektmanagerin am Zentrum für Innovation- und Technologietransfer der Hochschule Zittau/Görlitz und ist seit Anfang 2023 zudem am TRAWOS-Institut aktiv. Sie ist Projektkoordinatorin beim Bündnis Lausitz - Life & Technology und baut in der Lausitz ein interdisziplinäres Innovationsnetzwerk in den Bereichen Energie, Additive Fertigung sowie Bildungs-, Arbeits- und Lebenswelten auf. Sie möchte sie ihre Erfahrungen, interkulturellen Fähigkeiten und ihr Wissen in die Weiterentwicklung und Mitgestaltung der Region einbringen. sie organisiert verschiedene Bildungsveranstaltungen und Tagungen. Das Hauptziel ihrer Arbeit ist der Aufbau neuer Partnerschaftsstrukturen und Kontakte, der Aufbau und die Pflege eines Kontaktnetzwerks (politische Parteien, Gewerkschaften, gemeinnützige Organisationen, Universitäten) sowie die Gewährleistung des Wissenstransfers zwischen Deutschland und Tschechien (im Rahmen europa-, außen- und sicherheitspolitischer Themen).
Liemich ist Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, Stadträtin in Zittau und 3. Stellvertreterin des Oberbürgermeisters. Bei der Kommunalwahl 2019 kam die SPD in Zittau nur auf 2,8 Prozent und flog aus dem Stadtrat. Die SPD war nur mit zwei Kandidat*innen zur Stadtratswahl angetreten.
2024 trat die die SPD mit Liemich als Spitzenkandidatin und mit sieben Kandidatenzur Stadtratswahl an. Das Wahlergebnis von 3 Prozent reichte allein für Leonie Liemich, die seitdem in einer gemeinsamen Fraktion "Zukunftsbündnis Zittau - Ökologisch & Sozial" (ZBZ) besteht aus den Stadträtinnen und dem Stadtrat von SPD, Die Linke und BÜNDNIS 90/GRÜNE arbeitet. Die Zusammenarbeit mit einer noch starken CDU ist schwierig und das Ertragen einer aufstrebenden AfD kostet Nerven. Populistische Sprüche, Tagesrassismus und das Heraufbeschwören von Konflikten prägen die Stadtratsarbeit.
Anders als in Bayern, wird der (Ober)Bürgermeister bzw. Landrat in Sachsen für 7 Jahre und nicht gleichzeitig mit dem Kommunalparlament gewählt. Thomas Zenker (Wählervereinigung „Zittau kann mehr“) ist seit 2015 Oberbürgermeister von Zittau. Bei der Wahl 2015 holt er 47,8 Prozent der Stimmen. 2022 konnte Zenker sich mit 71,8 Prozent der Stimmen gegen den AfD-Kandidaten mit 28,2 Prozent durchsetzen. Die Wahlbeteiligung betrug 47,8 Prozent.
Zittau – gestern und heute
Zittau, die Hochschulstadt im Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Polen ist nach der Kreisstadt Görlitz die zweitgrößte Stadt im Landkreis Görlitz und die fünftgrößte der Oberlausitz. Sie liegt im äußersten Südosten Sachsens und hatte Ende 2024 25.286 Einwohner.
Die einst wohlhabende Stadt geriet dadurch in eine Randlage, die Verkehrswege nach Osten waren teilweise abgeschnitten und der Verkehr eingeschränkt. So hatte Zittau bis 1989 lediglich einen Grenzübergang in das polnische Nachbardorf Sieniawka/Kleinschönau, der aber seit Anfang der 1980er Jahre von Privatreisenden aus der DDR nur noch mit Sondergenehmigung genutzt werden konnte.
Die Arbeitslosenquote in den Landkreisen Bautzen und Görlitz lag im August 2025 bei 7,4 Prozent. Und damit im Schnitt der Ostdeutschen Länder (Bayern im Vergleich (Auguste 2025: 4,2%). Die Stadt Zittau liegt, wie alle größeren Städte mehrere Prozent über dem Landesdurchschnitt, dies kennzeichnet u.a. die sozial benachteiligte Situation der Stadt. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt in Zittau bei rund 4 % (Bundesdurchschnitt: 48,3 Prozent).
Weitere Schwächen der Stadt sind aufgrund der Abwanderung (Zittau verlor ca. 50% seiner Bevölkerung seit der Wende) ein hoher Anteil an Menschen im nichterwerbsfähigen Alter und damit ein schwieriges soziales Gefüge. Eine überalterte Bevölkerung leidet unter einer strukturelle Überlastung bei der Integration von eigentlich zahlenmäßig wenigen Flüchtlingen.
Die sozialen Herausforderungen konzentrieren sich in Zittau nicht auf einen definiert abgegrenzten Stadtteil oder ein Quartier. Auf Grund der vorhandenen Auswirkungen einer schrumpfenden Stadt in den verschieden Bereichen des städtischen Lebens und einem noch nicht abgeschlossen Umgestaltungsprozess (Innen- vor Außenentwicklung) verteilen sich die Herausforderungen großflächig. Die allgemeinen Lebensbedingungen werden auch von den sozialen Angeboten bestimmt. Diese aufrecht zu halten bzw. auszubauen, ist zwingende Notwendigkeit. Ohne diese Angebote werden sich die Effekte einer schrumpfenden Stadt wie in einer Negativspirale verstärken.
Noch zählen das vorhandene Angebot an Jugend- und Freizeiteinrichtungen und die hohe Anzahl von Bildungseinrichtungen und sozio-kulturellen Angeboten sowie der Hochschulstandort zu den Stärken der Stadt. Hinzu kommt ein hohes Angebot an günstigen Wohn- und Gewerberäumen, das einer jungen Bevölkerung Wohnen und Leben erschwinglich machen kann.
Handel und Dienstleistungen bilden die Standbeine der Wirtschaft in Zittau. Es finden sich Klein- und Mittelständische Unternehmen, welche einen immer stärker werden Einfluss auf die wirtschaftliche Situation erlangen. Dabei nutzen sie bewusst die Vorteile einer Stadt mit kurzen Wegen und einer vielfältigen soziokulturellen Ausstattung, die es zu erhalten gilt. Der historische Stadtkern ist geprägt von einer Vielzahl an kleinen bis mittelgroßen Einzelhandelsgeschäften. Die innerstädtische Haupteinkaufslage erstreckt sich durch die gesamte Altstadt.
Die Entwicklung der Innenstadt hat für die Stadt Zittau, wie für so viele andere Städte in Deutschland, oberste Priorität. Bebauungspläne mit dem Ziel der Erhaltung und Entwicklung der zentralen Nahversorgungsbereiche sowie der Innenentwicklung der Stadt Zittau untersetzen diese Priorität planerisch. Die Stadt Zittau hält daher eine größere innerstädtische Fläche für die Entwicklung eines Einkaufszentrums oder Fachmarktzentrums vor, um die vorhandenen Defizite in bestimmten Sortimenten auszugleichen. Die Gewerbegebiete haben ein großes Potential für weitere Gewerbeansiedelungen. Dem gegenüber stehen die wirtschaftliche Schwäche, resultierend aus einem zu hohen Gewerbeleerstand und einer sehr geringen Kaufkraft, die aus einem niedrigen Lohnniveau resultiert.
Der immer noch hohen Abwanderungsrate gut ausgebildeter junger Menschen kann neben einem guten Bildungsstandort (weiterführende Schulen, Hochschule, IHI), traditionell innovativen Standorten und Unternehmen und gute „weiche“ Standortfaktoren eine verstärkte grenzübergreifende Zusammenarbeit im Dreiländereck und der Wille zur Nutzung des vorhandenen Freiraums zur individuellen Entwicklung entgegengesetzt werden.
Im Vergleich zu anderen sächsischen Städten stellt Zittau ein außerordentliches Beispiel starker Schrumpfung dar. Diese zieht unter anderem auch haushaltärische Probleme nach sich, da z. B. die Schlüsselzuweisungen sinken, die fixen Kosten für das Vor- und Erhalten der Infrastruktur jedoch erhalten bleiben oder sehr verzögert sinken und die Ausgaben im sozialen Bereich steigen.
Gerade in den Geschosswohnungsbauten aus den 1970er und 1980er Jahren ist der Leerstand und das durchschnittliche Alter der Einwohner besonders hoch. Der Saldo von Geburten-Sterbefällen und Migration war in den letzten Jahren meist im negativ.
Die Einwohnerzahl ist weiter rückläufig, nur im Bereich der Historischen Kernstadt findet eine Stabilisierung statt. Hier sind mit Gründerzeit- und Jugendstilbauten noch gute Quartiersstrukturen vorhanden. 1993 wurde der historische Stadtkern zum Sanierungsgebiet erklärt. Die Zittauer Kernstadt überstand den zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt, sodass die wertvollen Gebäude aus dem Barock, der Renaissance und dem Klassizismus erhalten blieben. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude erfuhren in der Zeit der DDR durch eine politisch motivierte Nichtbeachtung eine starke Schädigung. Ab 1990 begannen intensive Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten an privaten und kommunalen Gebäuden um den Historischen Stadtkern in seiner Struktur und Funktionalität zu erhalten. Bisher sind über 75 % der Gebäude des historischen Stadtkerns saniert oder teilsaniert.
Erste positive Auswirkungen konnten durch städtebauliche Maßnahmen der „Sozialen Stadt“ erreicht werden. Die Herausforderungen der energetischen Sanierungen und der Modernisierung der Mobilitätsinfrastruktur sowie der Barrierefreiheit sind außergewöhnlich, da bei diesen die Ansprüche auf Grund des großartigen Bestands besonders erhaltenswerter Gebäude und des damit verbunden historischen Kulturerbes besonders hoch und komplex zu erfüllen sind. Zu Erreichung der gestellten stadtentwicklerischen Ziele werden auch an dieser Stelle Mittel der Bund-Länder-Förderprogramme sowie des EFRE und des ESF eingesetzt.
Lösungsansätze
Das sächsische Zittau bietet billige Mieten, massenhaft Wohnraum und viel Platz für Betriebe. Die Zukunft könnte eigentlich rosig sein – doch wie können wir unsere Region, die Oberlausitz, attraktiver machen? Welche technologischen und sozialen Innovationen können die hiesige Wirtschaft beleben? Wie können Fachkräfte interessante Entwicklungschancen entdecken und gleichzeitig Familien ein reizvolles Lebensumfeld finden? Fragen, mit denen sich Leonie Liemich beruflich und politisch beschäftigt und die in der abschließenden Diskussion gestellt wurden.
Es gelte das Positive herauszuarbeiten, so Liemich in ihren Antworten. Der Maschinen- und Anlagenbau sowie der Metall- und Fahrzeugbau seien wichtige Wirtschaftszweige in Zittau. Die Grenzlage zu Tschechien und Polen böten die Möglichkeit, durch Zuzug von Arbeitskräften dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Außerdem sei der Naturpark Zittauer Gebirge ein landschaftliches Juwel und ein wichtiger Anziehungspunkt. Die Sanierung der Wanderwege und die Zugänglichkeit des Naturdenkmals Kelchstein seien von großer Bedeutung für den Tourismus in der Region.
„Um diese Aufgaben für die Oberlausitz zu lösen, haben sich Unternehmen, Bildungsträger, Forschungseinrichtungen und Vereine im Bündnis Lausitz – Life and Technology (L&T) zusammengeschlossen. Gemeinsam entwickeln wir innovative Instrumente und erproben neue Formate“, so Liemich.
Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über über die Rolle der Grenze in der Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung, kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.