
Festakt Brannenburg - Geschichte im Zwiegespräch
Einen besonderen Höhepunkt bildete das Gespräch der Historiker Dr. Thomas Oellermann und Dr. Filip Bláha über 75 Jahre Seliger-Gemeinde.
In einem ebenso unterhaltsamen wie informativen Zwiegespräch spielten sich beide Historiker die Themen gekonnt zu. Geschichte erschien dabei nicht als trockene Abfolge von Daten und Ereignissen, sondern als lebendiger Austausch über politische Entscheidungen, historische Erfahrungen und ihre Bedeutung für die Gegenwart.
Oellermann begann mit dem für Außenstehende zunächst ungewöhnlich klingenden Namen „Seliger-Gemeinde“. Mit spielerischen Überlegungen zu möglichen anderen Namensvarianten gelang es ihm, die Entstehung der Gemeinschaft und die Bedeutung ihres Namensgebers Josef Seliger anschaulich zu erklären.
Zugleich würdigte er die jahrzehntelange Arbeit der Seliger-Gemeinde für den deutsch-tschechischen Dialog. Die Begegnungen in Brünn hätten erst kürzlich wieder gezeigt, welchen Wert diese Arbeit besitze und wie viel Vertrauen über die Jahrzehnte gewachsen sei.
Bláha beschrieb die Erste Tschechoslowakische Republik als multinationalen Staat mit einer eigenständigen demokratischen Kultur. Bis 1938 sei diese Demokratie auch von der aktivistischen Politik der deutschen Sozialdemokratie getragen worden.
Die DSAP habe nicht auf nationale Abschottung gesetzt, sondern auf demokratische Mitarbeit, Verständigung und einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Volksgruppen.
Beide Historiker erinnerten an das Brünner Nationalitätenprogramm der österreichischen Sozialdemokratie von 1899. Der Versuch, Minderheitenrechte, kulturelle Selbstbestimmung und einen gemeinsamen demokratischen Staat miteinander zu verbinden, enthalte Lösungsansätze, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hätten.
Dem stellten sie gegenwärtige Vorstellungen gegenüber, ganze Bevölkerungen zu vertreiben oder Gebiete ethnisch neu zu ordnen. Solche Pläne schafften kein dauerhaftes Zusammenleben, sondern neues Unrecht, neue Verletzungen und neuen Schmerz.
Auf Oellermanns abschließende Frage, welche Aufgaben die Seliger-Gemeinde in Zukunft übernehmen könne, nannte Bláha vor allem zwei Ziele: mehr Kontakte zur tschechischen Öffentlichkeit und mehr Begegnungen mit jungen Menschen.
Die deutsche Geschichte der böhmischen Länder sei kein fremder Zusatz zur tschechischen Geschichte. Sie sei ein Teil von ihr. Viele Deutsche hätten auch nach dem Krieg in der Tschechoslowakei bleiben müssen oder bleiben können. Ihre Geschichte müsse ebenso erzählt und sichtbar gemacht werden.