
Nach 1918: „Wir bitten nimmer, wir fordern!“
Mit dem dritten Teil seiner Bildergeschichte führt Franz Kuplent seine Leser in die Zeit nach 1918. Der Ton ändert sich sofort: „Wir bitten nimmer, wir fordern!“ Aus den Zinsgründlern, die über Jahrzehnte bei Herrschaft, Behörden und Kaiser um Hilfe baten, werden organisierte Forstarbeiter, die ihre Interessen politisch und gewerkschaftlich durchsetzen.
Kuplent konnte dabei auf ein seit Jahrzehnten gewachsenes sozialdemokratisches Milieu zurückgreifen. In zahlreichen Orten des Böhmerwaldes entstanden schon vor 1914 Parteiorganisationen, Gewerkschaften und Genossenschaften. Der später so bezeichnete „rote Böhmerwald“ hatte tiefe Wurzeln.
Nach 1918 folgen konkrete Verbesserungen: 1919 die gesetzliche Regelung langjähriger Pachtgründe, 1920 die ersten Kollektivverträge für die Forstarbeiter, später Krankenversicherung und betriebliche Mitbestimmung. Der Kollektivvertrag bildet dabei den Gegenpol zur alten Ansiedlungsurkunde: Nicht mehr die Herrschaft allein bestimmt die Bedingungen, sondern organisierte Arbeiter handeln sie gemeinsam aus.
Besonders wichtig ist Kuplents Hinweis auf zwei allgemeine Streiks der Forstarbeiter. Zweimal seien Verhandlungen gescheitert, zweimal hätten die Forstarbeiter zum Streik greifen müssen – und beide Arbeitskämpfe seien erfolgreich beendet worden. Genau diese beiden Streiks waren der Ausgangspunkt unserer Suche nach der lange verschollen geglaubten Broschüre. Identifizieren konnten wir sie bislang allerdings noch nicht.
Eine Anfrage beim Staatlichen Gebietsarchiv Třeboň hat die Suche inzwischen eingegrenzt. In den erhaltenen Unterlagen des Kreisgerichts České Budějovice fand sich für 1917 bis 1920 kein entsprechender Vorgang; für Písek fehlen die einschlägigen Register. Das Archiv hält es deshalb für möglich, dass die Streiks gar nicht vor den Kreisgerichten verhandelt wurden. Neue Spuren könnten nun die Bestände der Herrschaft Schwarzenberg und der Großgrundbesitze Český Krumlov, Prachatice–Volary und Vimperk liefern.
Am Ende zieht Kuplent Bilanz. Nach dem Rückschlag der Wirtschaftskrise von 1923 hatten sich die Löhne bis 1930 wieder deutlich erholt. Seine Botschaft lautet: „Noch vieles haben wir zu schaffen, unsere Kraft liegt in der Organisation.“
Damit schließt sich der Kreis der Broschüre: von der Ansiedlungsurkunde von 1780, die Bedingungen von oben festlegte, zum Kollektivvertrag von 1920, den organisierte Arbeiter mit aushandelten. Kuplents Heft ist damit Sozialgeschichte und politische Selbstvergewisserung zugleich – und für uns noch immer Ausgangspunkt einer offenen Spurensuche nach den beiden erfolgreichen Forstarbeiterstreiks.
Erst nach der Wiederentdeckung des Leipziger Exemplars ergab eine Anfrage beim Staatlichen Gebietsarchiv Třeboň, dass ein weiteres Exemplar offenbar auch in der Archivbibliothek des Český-Krumlov/Krumauer Schlossarchivs erhalten ist (Sign. KNB 5542,8).