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seliger-online 13.10.2026

Veröffentlicht am 15.10.2026 in Allgemein

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Mut zum Unmut – zwischen Familiengeschichte, Aussig und politischem Widerspruch

Eine Familiengeschichte voller Brüche, die Auseinandersetzung mit der sudetendeutschen Vergangenheit und die Frage, warum Demokratie Menschen braucht, die widersprechen: Der Journalist und Autor Paul Starzmann war zu Gast bei seliger-online. Die Ko-Bundesvorsitzende Helene Päßler übernahm kurzfristig die Moderation des lebendigen Gesprächs über Erinnerung, Versöhnung und politische Widerspenstigkeit für die verhinderte Christa Naaß.

Starzmann bezeichnete sich selbst als „Quereinsteiger“ in die sudetendeutsche Geschichte. Erst vor wenigen Jahren begann er intensiver nach seiner eigenen Familie zu forschen. Sein Urgroßvater Gustav Angelo Erhard, Ingenieur bei den Schicht-Werken in Aussig, wurde am 31. Juli 1945 beim Massaker von Aussig getötet. Sein Großvater überlebte Vertreibung und Neuanfang, trug den Verlust des Vaters aber offenbar ein Leben lang mit sich.

Im Gespräch mit Päßler und Thomas Oellermann schilderte Starzmann besonders die Widersprüche im Verhalten des Großvaters: innerhalb der Familie oft scharf antitschechisch, zugleich mit engen Kontakten nach Tschechien und später mit der versöhnlichen Botschaft „Schuld ist nicht vererbbar.“ Gerade diese Gegensätze beschäftigen Starzmann bis heute.

Offen sprach er auch über belastende Funde in der Familiengeschichte – über NSDAP-Mitgliedschaften und rechtsextreme Literatur. Ihm gehe es weder um Verurteilung noch um nachträgliche Entlastung, sondern darum zu verstehen, wie Verlust, Vertreibung, politische Prägung und Erinnerung zusammenwirkten. Seine Beschäftigung mit Aussig, so wurde deutlich, steht eher am Anfang als am Ende.

Auch seine Erfahrungen beim Sudetendeutschen Tag in Brünn kamen zur Sprache. Starzmann zeigte sich überrascht, wie stark heute Versöhnung und deutsch-tschechische Verständigung im Mittelpunkt stehen. Auch die heutige politische Rolle der Sudetendeutschen Landsmannschaft war Thema des Gesprächs. Starzmann hob besonders die konsequente Abgrenzung Bernd Posselts gegenüber der AfD hervor. Posselt habe verstanden, dass eine Brandmauer nur dann glaubwürdig sei, wenn sie ohne taktische Hintertüren gelte. „Wir sehen in der Union insgesamt, vor allem in der CDU, dass diese Brandmauer eben nicht funktioniert beziehungsweise die Abgrenzung nicht funktioniert“, sagte Starzmann. Posselt sei hier für ihn ein Gegenbeispiel: keine Verhandlungen, keine gemeinsamen Auftritte, keine Normalisierung der AfD. Gerade diese Konsequenz vermisse er in Teilen von CDU und CSU.

Im zweiten Teil des Gesprächs ging es um Starzmanns gemeinsam mit Matthias Meisner veröffentlichtes Buch „Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“. Für die Seliger-Gemeinde war das Thema nicht neu: Bereits beim Sudetendeutschen Tag in Brünn hatte Starzmann über das Buch und die Bedeutung von Widerspruch und demokratischer Haltung diskutiert. Ausgangspunkt ist eine einfache Frage: Warum gibt es unzählige Ratgeber darüber, wie Führungskräfte mit schwierigen Mitarbeitern umgehen sollen – aber kaum darüber, wie man selbst ein unbequemer Mensch wird?

Für Starzmann ist Renitenz eine demokratische Tugend. Gesellschaftlicher Fortschritt beginne oft mit einem „Nein“. Entscheidend sei aber, reflektierten Widerspruch von bloßem Dagegensein zu unterscheiden. Erfolgreiche Widerspenstigkeit brauche einen langen Atem, ein dickes Fell, Leidenschaft, Humor und Fairness.

Demokratie sei deshalb geradezu die „Staatsform der Renitenten“: Meinungsfreiheit, Versammlungsrecht, Bürgerinitiativen oder Petitionen gäben den Menschen die Möglichkeit zu sagen: Ich bin damit nicht einverstanden – ich will etwas verändern.

So verband der Abend zwei Themen, die enger zusammengehören, als es zunächst scheint: die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den Mut, heute Widerspruch zu leisten. Gerade weil daraus kein Monolog, sondern ein offenes Gespräch wurde, gewann die Veranstaltung ihre besondere Stärke.

Und das Thema Aussig dürfte weitergehen: Starzmann kündigte an, seine Familiengeschichte weiter zu recherchieren und daraus möglicherweise ein eigenes Buch zu entwickeln. Für die Seliger-Gemeinde ist schon jetzt klar: Wenn daraus eine Veröffentlichung wird, wollen wir diese Geschichte gerne vorstellen.

 

Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über sudetendeutsche Naturfreunde, kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

 Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

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