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November 1938 - die "Kristallnacht" im Sudetenland

Veröffentlicht am 09.11.2017 in

Die im Licht der Laternen glitzernden Splitter der zerbrochenen Fensterscheiben waren es, die der so genannten "Reichskristallnacht" ihren verharmlosenden Namen gaben. Die nüchterne Bilanz des Terrors: In Deutschland, Österreich und dem Sudetenland gab es mehr als 1000 zerstörte Synagogen und Betstuben, rund 30.000 Verhaftungen sowie etwa 400 jüdische Tote.

 

Der Terror kommt ins Sudetenland

Die Kristallnacht offenbarte die Brutalität des NS-Regimes

In der Nacht vom 9. auf den 10. November gedenken wir der so genannte Reichskristallnacht 1938. In ganz Deutschland brannten die Synagogen; jüdische Häuser und Geschäfte wurden überfallen und geplündert, zehntausende Juden verhaftet, hunderte ermordet oder in den Tod getrieben. Kaum einen Monat nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens und der Besetzung des Sudetenlandes, ereignete sich die „Kristallnacht“ auch im Sudetenland. Ausgrenzung und Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung steigerte sich erstmals offen zu systematischer Gewalt. Und das auch in den Sudetengebieten.

Die Kristallnacht lief in den Sudetengebieten nach einem ähnlichen Muster wie in Deutschland ab. Es handelte sich um ein von Staat und der Partei organisiertes Pogrom. Auch im Sudetenland brannten die Synagogen; auch im Sudetenland wurden jüdische Männer verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt und jüdische Geschäfte geplündert.

Allerdings werden die Ereignisse der Nacht bislang meist nur für das so genannte "Altreich" oder für Österreich untersucht, die Ereignisse in den Sudetengebieten wurden bislang nur unzureichend beachtet.

Die von den NSdAP-Gliederungen organisierten Pogrome wurden als spontane Äußerungen des Volkszorns auf die Ermordung des Legationssekretärs Ernst Eduard vom Rath durch den Juden Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in Paris ausgegeben. Während die Terrorwelle in Deutschland ihren Höhepunkt in der Nacht des 9. November hatte, erreichte sie die Sudeten flächendeckend erst einen Tag später.

Karlsbad (Karlovy Vary), Reichenberg (Liberec), Troppau (Opava), Hartmanitz (Hartmanice), Teplitz-Schönau (Teplice), Böhmisch Leipa (Česká Lípa), Winterberg (Vimperk), Bruch bei Brüx (Lom bei Most) und viele andere Orte – soweit bekannt, ist es in allen Städten zu Pogromen gekommen, in denen es eine größere jüdische Minderheit gab. In den meisten Städten wurden die Synagogen zerstört, in einigen zumindest ausgeplündert oder symbolisch beschädigt.

Das ist von daher wichtig, weil die Synagogen, ähnlich wie im so genannten "Altreich", die Symbole der jüdischen Emanzipation waren. Es waren zumeist Synagogen aus dem 19. Jahrhundert, im historisierenden oder im maurischen Stil gebaut; sie standen oft in den Zentren, sie waren groß und dominant - in gewisser Weise den christlichen Kirchen ähnlich. Indem man diese Synagogen zerstört hat, hat man auch ein Symbol der Anwesenheit der jüdischen Minderheit zerstört, und damit auch ein Symbol des jüdisch-nichtjüdischen Zusammenlebens."

Dazu gehörten auch die sehr schnelle Arisierung des jüdischen Eigentums und das Verdrängen der Juden aus dem öffentlichen Raum. Praktisch bedeutete das, dass schon vor der Kristallnacht ein ganz großer Teil der Juden aus dem Sudetenland ins Landesinnere geflohen ist, da es bereits nach dem Einmarsch Hitlers Anfang Oktober zu Gewaltakten gegen sie gekommen ist. Man schätzt, dass von den rund 28.000 Juden, die hier vor dem Anschluss der Sudetengebiete gelebt haben, schon zur Zeit der Kristallnacht nur noch 12.000 übrig waren.

In der Folge wurde schon zu diesem Zeitpunkt ein Teil der Synagogen geschlossen. Oder es gab Orte, in denen die jüdische Gemeinde nicht mehr funktionierte, weil die Leitung – der Rabbiner – und der Präses der Gemeinde schon geflohen waren. Und dann kommt die Kristallnacht. In der Folge sind die jüdischen Gemeinden in den Sudetengebieten mehr oder weniger zerstört.

Für die Juden in Deutschland war die Kristallnacht der große Schock. Für die Juden in Österreich und in den Grenzgebieten der Tschechoslowakei war der Schock dagegen schon vorher der Anschluss Österreichs oder das Münchner Abkommen. Die Kristallnacht hat dann für sie die Brutalität des NS-Regimes nur noch einmal bestätigt. Und es wurde hier viel brutaler als anderswo vorgegangen.

Der Terror kommt in einer Zeit, in der im Sudetenland alles in Bewegung ist. Nazi-Gegner und NS-Verfolgte müssen Hals über Kopf ihre Heimat verlassen. Die systematischen antisemitischen Diskriminierungen, die im Reich seit 1933 Schritt für Schritt eingeführt wurden, werden im Sudetenland innerhalb kürzester Zeit nachgeholt.

Die NS-Befehlsstrukturen reichten nicht nur ein wenig, sondern bereits sehr vollständig bis ins Sudetenland, was bedeutete, dass die Kristallnacht im Sudetenland genau wie im so genannten "Altreich" von der SA gestartet wurde. Die SA-Männer haben die Synagogen angezündet, die Gewalt in die gewünschten Wege geleitet und oft auch jüdische Männer verhaftet. Das ist auch die Zeit, in der viele Sudentendeutsche die Möglichkeit nutzen, sich der NSdAP oder der SA anzuschließen.

In Tschechien und früher in der Tschechoslowakei wurde und wird der Jahrestag der Kristallnacht meist überhaupt nicht wahrgenommen. Es ist auch ein Teil unserer Geschichte, mit dem wir uns beschäftigen sollten:

  • Die neugotische Synagoge von 1888 in Budweis/České Budějovice wurde von den Nationalsozialisten 1942 gesprengt.
  • Die Synagoge in Rosenberg/Klenčí pod Čerchovem aus dem 17. Jhd. Wurde 1938 von den Nationalsozialisten verwüstet und zu Zeiten des 2. Weltkrieges für Wohnzwecke genutzt und 1996 abgetragen.
  • Am 10.11.1938 zündeten die örtlichen Nazis die Synagoge in Winterberg/Vimperk aus dem Jahre 1926 an und verbrannten alle ihre Möbel. Das Gebäude verfiel und wurde später abgerissen.
  • Die Synagoge in Kaaden/Kadan wurde in der „Reichkristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 von den deutschen Nationalsozialisten bis auf die Grundmauern zerstört
  • Im Oktober 1938 fiel Teplitz-Schönau an das Deutsche Reich. Die Juden wurden nun aus ihren Wohnungen und Geschäften geholt und danach in einem „Triumphzug“ durch die Stadt geführt. 89 Unternehmen, 511 Villen und 526 Grundstücke in Teplitz wurden „arisiert“. Durch die Flucht der Teplitzer Juden war ihre große Synagoge, die den Pogrom weitgehend unbeschadet überstanden hatte, von den Behörden geschlossen worden. In der Nacht vom 14./15.März 1939 wurde aber die Teplitzer Synagoge angezündet; sie brannte völlig aus. Die Ruine wurde wenige Wochen später gesprengt.

Wie man erkennen kann dauerte die „Kristallnacht“ im Sudetenland über 1938 hinaus an.

Neben der Synagoge in Čkyně/Kieselhof ist in Südböhmen nur noch die Synagoge in Český Krumlov/Krumau erhalten.

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