Das vergessene Lager von Schlackenwerth: Früher Terror im Sudetenland
Wenn von den frühen Verbrechen des Nationalsozialismus im Sudetenland die Rede ist, fällt der Name Schlackenwerth an der Eger – das heutige Ostrov bei Karlsbad – nur selten. Dabei befand sich dort bereits unmittelbar nach der Annexion des Sudetenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei einer der frühen Orte nationalsozialistischen Terrors in der Region. Über das Lager ist bis heute erstaunlich wenig bekannt, obwohl zahlreiche Hinweise auf politische Verfolgung, Misshandlungen und willkürliche Inhaftierungen bereits in den Jahren 1938 und 1939 existieren.
Nach der Besetzung des Sudetenlandes Ende 1938 und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 nutzten Gestapo und SS das Schloss Schlackenwerth als Haft- und Internierungsort. Hier wurden politische Gegner, Juden und andere als unerwünscht eingestufte Personen festgesetzt. Zu den bekannten Häftlingen gehörte auch der sozialdemokratische Bürgermeister Anton Sacher aus Fischern bei Karlsbad, dessen Schicksal die Bedeutung Schlackenwerths als frühe Stätte politischer Verfolgung verdeutlicht.
Eine Recherche in den Arolsen Archives ergab, dass Anton Sacher bereits am 28. Oktober 1938 verhaftet wurde. Zunächst wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Von dort kam er nach Schlackenwerth im Bezirk Karlsbad, wo er über Monate hinweg festgehalten wurde. Erst Ende Juli 1939 erfolgte seine Überstellung in das Amtsgefängnis Karlsbad. Der Fall zeigt, dass Schlackenwerth bereits lange vor seiner späteren Funktion als Außenlager von Flossenbürg in das System nationalsozialistischer Repression eingebunden war und als Haftort für politische Gegner diente.
Zeitzeugenberichte zeichnen ein düsteres Bild der Zustände. Besonders eindrücklich ist der Bericht des jüdischen Emigranten Otto Dub, der seine Verhaftung, Haft und Folter in Schlackenwerth schilderte. In einem späteren Schreiben verglich er die dort erlebten Misshandlungen mit den Zuständen, die er bei Häftlingen deutscher Konzentrationslager kennengelernt hatte. Auch andere Quellen belegen Verhaftungen, Schikanen und Gewalt gegen politische Gegner und die jüdische Bevölkerung der Region.
Historiker weisen zwar darauf hin, dass Schlackenwerth 1939 noch nicht als reguläres Konzentrationslager im organisatorischen Sinne bestand, doch ändert dies nichts an seiner Funktion als Ort systematischer Verfolgung. Für viele Betroffene war das Schloss ein frühes Symbol der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im besetzten Grenzgebiet. Mehrere Berichte deuten zudem darauf hin, dass bereits in dieser frühen Phase Menschen im Zusammenhang mit den Verfolgungsmaßnahmen ums Leben kamen.
Bemerkenswert ist, wie wenig dieser Teil der Geschichte heute präsent ist. Während zahlreiche ehemalige Haft- und Lagerorte in Europa durch Gedenktafeln, Ausstellungen oder Dokumentationszentren sichtbar gemacht werden, spielt die frühe Lagergeschichte von Schlackenwerth im öffentlichen Erscheinungsbild der Stadt Ostrov kaum eine Rolle. Hinweise auf die Internierungen von 1938 und 1939, auf die Verfolgung politischer Gegner oder auf das Schicksal von Persönlichkeiten wie Anton Sacher sind heute nur schwer zu finden.
Erst ab Mai 1943 entstand auf dem Schlossgelände ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg, das bis April 1945 bestand. Diese spätere Nutzung ist in der Forschung vergleichsweise besser dokumentiert. Die Ereignisse der Jahre 1938 und 1939 stehen dagegen bis heute im Schatten der späteren Lagergeschichte.
Gerade deshalb verdient Schlackenwerth besondere Aufmerksamkeit. Das Schloss war nicht erst während des Zweiten Weltkriegs ein Ort nationalsozialistischer Unterdrückung. Bereits in den ersten Monaten deutscher Herrschaft im Sudetenland wurden dort politische Gegner ausgeschaltet, demokratische Amtsträger verfolgt und jüdische Bürger misshandelt. Dass dieser frühe Schauplatz des Terrors heute weitgehend vergessen ist und selbst in Ostrov nur selten thematisiert wird, macht seine historische Aufarbeitung umso notwendiger.