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Spurensuche im Böhmerwald 2021

Veröffentlicht am 27.10.2021 in Allgemein

Roman Hajník (4.li.) und Vladislav Šlégr (re.) stellten den Exkursionsteilnehmern die Ortschaft Ortsteil Franzensthal/Františkov anhand von alten Ansichten vor.

 

Das Geheimnis von Franzensthal/Františkov

Gab es unterirdische Militäranlagen am Tafelberg? – Heimlichtuerei statt Gedenken!

Nach dem sich die Spurensuche 2019 vor allem auf den Hauptort Außergefild/Kvilda, konzentriert hatte und auch heuer die Holzindustrie und Glasmalerei dort beachtet wurde, musste der Fokus natürlich auch auf den Ortsteil Franzensthal/Františkov, etwa 3,5 km südöstlich von Kvilda, mit seiner abenteuerlichen Geschichte gelegt werden.

Auch in diesem beschaulichen Moldautal begann die Industrialisierung mit der Glasindustrie. Wasserenergie und Waldreichtum in der Umgebung begünstigten die Errichtung der ersten Glashütte um 1750, “Biertopfhütte“ genannt. Als Franz Thun, nach ihm wurde der Ort Franzensthal genannt, die Herrschaft Groß-Zdikau kaufte, wurden neben der neuen Glashütte auch Wohnhäuser für Glasmacher erbaut. Die große Glasmacherkrise bereitete 1887 aber auch dieser Glashütte das Ende.

Von der Glashütte zur Papierfabrik

1895 kaufte Jakob Kraus aus Wien die alte Glasfabrik und gründete eine Papierfabrik. Er hatte als Erster in Österreich mit der Herstellung von Papiersäcken begonnen. Dadurch erfuhr auch die Torfziegelfabrikation im Königsfilz und Seefilz einen großen Aufschwung, denn die getrockneten Ziegel dienten als Brennstoff. 1902 entstand die Vereinigte Papier- und Ultramarin-Fabriken Jakob Kraus, Joh. Setzer und N. Schneider AG. In Franzensthal wurden neue Häuser und zwei Wasserkraftwerke an der Moldau gebaut. Deren Strom trieb nun die Fabrikmaschinen an. Eines davon ist noch heute – natürlich modernisiert – in Betrieb. Das andere spielt in der folgenden Geschichte eine besondere Rolle.

Am 1. April 1930 wurde die Papierfabrik Franzensthal in Folge der Weltwirtschaftskrise stillgelegt. 1939 wurde das Anwesen beschlagnahmt und arisiert. Die ehemaligen jüdischen Besitzer starben in NS-Vernichtungslagern: Jakob Kraus, geb. 9. Oktober 1885, Wien, wurde am 11. März 1944 auf den Transport nach Theresienstadt geschickt, von dort am 28. Oktober 1944 erfolgte der Transport nach Auschwitz, wo er nicht überlebte. Norbert Schneider, geb. 26. Januar 1898, wohnhaft in Brünn, wurde am 2. Dezember 1941 auf einen Transport nach Theresienstadt geschickt und dann am 30. April 1942 von Theresienstadt in das Vernichtungslager Zámošč in Polen überstellt, wo er ebenfalls den Tod fand.

Von der Papierfabrik zur Rüstungsfabrik

Nach der Arisierung übernahm der Besitzer der Metallwarenfabrik Knäbel und Co. OHG/Wallern, Oskar Knäbel, , der Kaufvertrag wurde am 12. Juni 1941 unterzeichnet, die Geschäftsführung der in der ehemaligen Papierfabrik Franzensthal zur Tarnung angesiedelten „Möbelwerke Franzensthal AG“. 1942 übernahm das Messerschmitt-Werk in Regensburg das Gebäude für die Herstellung von Flugzeugteilen. Zwischen 1943 und 1944 verlagerte Knäbel seine Kettenfabrik von Wallern nach Franzensthal. Die ausgegebene Aktie der Aktiengesellschaft Möbelwerke Franzensthal war rein fiktiv und diente nur dazu, den Rüstungsbetrieb in Franzensthal zu verbergen. Am 7. Juli 1944 wurde die AG offiziell aufgelöst und Knäbel fungierte nur de facto als Eigentümer. Hier beginnt nun das Geheimnis um Franzensthal.

Das Geheimnis um Franzensthal

Viele Informationen von Zeugen, Kenntnisse aus Archivdokumenten und den Ergebnissen geophysikalischer Messungen hat Antonín Kunc in seiner Dokumentation „DAS GEHEIMNIS VON FRANTIŠKOV …“ zusammengetragen. Doch sie werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Sie bestätigen, dass es wohl große unterirdische Produktionsräume gab, nur ob sie in Franzensthal unter der Fabrikhalle der ehemaligen Papierfabrik waren, darf bezweifelt werden. Das bisher gefunden war wohl für die Bedürfnisse der Papierfabrik gebaut worden. Nachfragen werden von offizieller Seite bis heute nicht beantwortet, ja es wird sogar empfohlen, die Finger davon zu lassen.

Kunc geht davon aus, dass in Franzensthal bis August 1943 nur Montagearbeiten durchgeführt wurden. Nach unbelegten Aussagen wurde die Rumpfvorderseite mit dem Cockpit von irgendwoher mit der Bahn zum Bahnhof Kubov-Hütte transportiert - hier hatte die Rüstungsfirma sogar einen eigenen Kran um Rohware und Produkte zu verladen - und von dort per LKW nach Franzensthal gebracht.  Hier wurde das Cockpit fertiggestellt und mit Sitz, Armaturenbrett und allen Bedienelementen ausgestattet. Es war in der Kabine auch eine Funkstation und ein Atemschutzgerät installiert. Nachts brachte ein LKW mit voll beladenem Anhänger die Fertigprodukte nach Obertraubing in Bayern, wo die Flugzeugmontage (Propellerjäger ME 109) durchgeführt wurde.

Ein wichtiger Meilenstein im August 1943

Am 7. August 1943 griffen amerikanische Bomber das Messerschmitt-Werk in Regensburg an. Unmittelbar nach der Zerstörung der Fabrik wurde die dezentrale Produktion von Kampfjets angeordnet, damit die Produktion nicht durch einen einzigen Überfall vollständig lahmgelegt werden konnte. Die Produktion verlagerte sich in vorgefertigte Holzbaracken auf Waldlichtungen, in Tunneln, eilig gebauten Kellern, Brauereien etc.

Ein zweiter tödlicher Schlag traf Hitlers Rüstungsindustrie am 22. Februar 1944, als die amerikanischen Bomber erneut die verbleibenden Werke von Messerschmitt in Obertraubing im Südosten von aus Regensburg angriffen. Die Anlagen mit dem angrenzenden Flughafen wurden komplett zerstört. Die Amerikaner glaubten, dass die Produktion der Messerschmitt-Düsenjäger, die zu Hitlers Wunderwaffen zählten, für mindestens zwölf Monate unterbrochen sei.

Die Alliierten lagen jedoch falsch. Dank dem Montagewerk in Franzensthal und dem Montagewerk in Koroseky bei České Budějovice mit dem angrenzenden Flughafen in Planá wurde die Produktion von Düsenjägern fortgesetzt. Darin liegt die historisch bedeutsame und in gewisser Weise außergewöhnliche Stellung der Rüstungsfabrik in Franzensthal. Nach der Zerstörung der Messerschmitt-Werke wurde in Franzensthal auch produziert. Dafür wurde vom August 1943 bis 1. Juli 1944 die Montage eingestellt. Zusätzlich zu den Schutzmaßnahmen (Entfernen von Hochspannungsleitungsmasten und Abriss des Fabrik-Schornsteins) sollen hier – oder in der Nähe - während der Stilllegung intensiv unterirdische Produktionsanlagen gebaut worden sein.

Die Rede ist von sowjetischen Häftlingen, die „in Franzensthal“ diese unterirdischen Räume, die als Produktionsstätten für Düsenjäger oder Einzelkomponenten dienen sollten, bauten. Sie sollten die Zeit überbrücken, bis eine riesige unterirdische Massenproduktionsanlage für den Kampfjet ME 262 in Gusen, Österreich, deren Bau 14 Monate dauerte, fertiggestellt werden konnte. 

Relativ sicher ist, dass die Produktion in Franzensthal am 1. Juli 1944 wieder aufgenommen wurde. In Neubauten und unterirdischen Räumen sollen nun Cockpitteile und auch Düsentriebwerke für die ME 262 hergestellt worden sein. Sie wurden nicht mehr nach Obertraubing, sondern zum Montagewerk in Koroseky und zum Flughafen Planá geliefert.

In der Chronik der Grundschule in Kvilda gibt es Informationen, wonach am „1. Juli 1944 eine Filiale des Konzerns JUNKERS in Franensthal mit der Produktion von Flugzeugteilen, den Triebwerken unter der Bezeichnung JUMO 004 für den Düsenjäger ME 262, begann. Für diese Annahme spricht auch, dass 1943 eine italienische Baufirma (natürlich war es die Firma auch fiktiv) nach Franzensthal kam, um die Brücken über den Fluss Moldau im Abschnitt Františkov - Borová Lada zu verstärken. Was für eine schwere Last sollte ab dem 1. Juli 1944 in das Montagewerk in Koroseky gebracht werden, wenn nicht die JUMO 004-Motoren, von denen jeweils zwei fast die Hälfte des Gesamtgewichts des Flugzeuges ausmachten? Die Produktion in Franzensthal fand bis etwa Mitte April 1945 statt.

Als im Mai 1945 die russische Armee das "Montagewerk" in Koroseky besetzte, befand sich im Inneren des Gebäudes eine Montagelinie, die aus einem Schienenstrang und Montagewagen bestand. Es waren hier sieben teilmontierte Jagdflugzeuge Messerschmitt 262 vorhanden. Die sowjetische Armee hat das Fließband demontiert und abtransportiert.

Wo war die unterirdische Anlage bei Franzensthal?

Geheimdienstberichte des Generalstabs der Tschechoslowakischen Volksarmee enthalten, so Kunc, Aussagen, wonach sie sich im Raum zwischen Buchwald, dem Tafelberg und Franzensthal befindet. Nach Angaben deutscher Zeugen sind sie in der Nähe von Franzensthal. Hier sollen sich unterirdisch gebaute Galerien mit einer Gesamtlänge von 4 km befinden. Eine von ihnen soll diesen Ort mit der in der Gegend – unter dem Tafelberg - gebauten unterirdischen Anlage verbinden.

Doch wofür waren aber die unterirdischen Räume in Franzensthal gedacht? Hier gibt es viele Theorien. Die wohl realistischste Antwort: Sie diensten der Unterbringung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Dafür spricht auch die in der Gewinn-/Verlustbilanz der Tarnfirma mit Sitz in Wallern, enorme Lohnaufwendungen für mehrere hundert Arbeiter aufgeführt sind. Denn auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene verursachten Kosten für die Betriebe. Weiter zieht Kunc ein Dokument aus dem Archiv der Widerstandsgruppe Sumava II heran, in dem es heißt, dass „monatlich 100 - 150 Russen nach Franzensthal gebracht wurden – und niemand zurück“.  Dies unterstreicht die Aussage des Bäckers F. Černík aus Winterberg, der dorthin Brot lieferte, „aber immer die gleiche Menge“. Auch er war sich sicher, dass dort viele Leute starben. Über den Verbleib der sowjetischen Kriegsgefangenen fehlt jede Information.

Was geschah in Franzensthal nach der Befreiung am 6. Mai 1945?

Amerikanische Soldaten, begleitet von amerikanischen Reportern, entdeckten und öffneten die Anlagen. Sie fanden im Erdgeschoss einer kleinen Montagehalle fertige Cockpits für die ME 262 bereit zum Transport. „Das ist also das Montagewerk, das unsere Piloten so lange gesucht haben und das sie nicht finden und zerstören konnten!“ In Franzensthal blieben 150 amerikanische Soldaten in Zimmern auf dem Dachboden. Die Offiziere wohnten im Herrenhaus.

Es folgte ein zweijähriger Kampf zwischen den Siegermächten und der Tschechoslowakei zum Schutz des Lagers für Materialien, Werkzeuge, Geräte und Ausrüstung im Wert von heute 150 Mio. CZK vor Diebstahl. Doch alles nutzte nichts, das Werk wurde von verschiedenen Seiten geplündert.

In den erhaltenen Inventarlisten des Militärzentralarchivs sind auch Gegenstände aufgeführt, die nicht in der Waffenproduktion verwendet werden konnten, sondern für den unterirdischen Bau. Weiteres vom Distrikt-Nationalkomitee herausgegebenes Material waren Stahlflaschen (sogenannte Bomben) gefüllt mit Sauerstoff und Acetylen zum Autogenschweißen.

Ein Geheimnis ist die Stromversorgung der Waffenfabrik, nachdem Ende 1943 die Hochspannungsleitungen abgerissen wurden. Nach der Abschaltung der Hochspannungsleitung wurde das dort in der unterirdischen Fabrik befindliche Wasserkraftwerk mit zwei Turbinen in Betrieb genommen. Zusätzlich wurde im September 1944 ein Dieselgenerator, sechs Zylinder, 250 PS mit einer Leistung von 250 kW eingebaut. Wo in Františkov waren die Maschinen, die so viel Strom für ihren Betrieb brauchten?

Fragen über Fragen, aber 1959 wurde das Fabrikgebäude gesprengt. Nach der Sprengung wurden alle unterirdischen Eingänge mit einer dicken Schuttschicht bedeckt und das Gelände erhielt einen dichten Bewuchs von Waldbäumen.

Als es noch eine Papierfabrik gab, führte von der sogenannten Oberfabrik (Kraftwerk und Holzaufbereitung) eine Schmalspurbahn zur Papierfabrikhalle (untere Fabrik). Kurz nach Kriegsausbruch war ein größerer Teil der Schmalspurbahnen demontiert worden und die Schienen und Muldenkipper verschwanden im Untergrund von/bei Franzensthal. Sie wurden hier aufbewahrt und dienten den tschechischen Ingenieuren in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als sie den Eingang zur unterirdischen Fabrik öffneten, zur Räumung.

Seitdem wird der Mantel des Schweigens über den Ort gelegt. Laut Kunc geht es weniger um das, was im Krieg hier stattgefunden hat, als vielmehr um das, was die Armee für den Untergrund unter dem Tafelberg für Pläne hatte. Auch eine rege, aber geheime, Bautätigkeit in den 1980er Jahren spricht für diese Theorie. Der Aufbau einer militärischen Anlage wäre aber ein Verstoß gegen anerkannte und gültige internationale Verträge gewesen, insbesondere gegen die Schlussakte der KSZE von 1975 (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa).

Nach der Ausstrahlung der tschechischen Fernsehsendung 2007 über die unterirdische Fabrik in Františkov, diente dazu, den Zustrom von Desinformationen durch die laufende Untersuchung des Geländes zu stoppen. Beim Öffnen der Eingänge zum Untergrund erschien eine kurze Aufnahme aus dem Inneren der Galerie, die Hobbyforscher auch 2003 gefunden haben.

Hobbyforscher stoßen immer wieder auf Widerstand

Damit war natürlich nicht Schluss und die Hobbyforscher umgingen weiter die staatlichen Stellen und suchten weiter. Mittlerweile sind auch fotographisch die Kellerräume der Papierfabrik dokumentiert. So wurde festgestellt, dass ein Erdrutsch (durch eine Sprengung?) den Zufluss des unterirdischen Wasserkraftwerks stoppte. Dies bestätigt die Tatsache bleibt, dass nach dem Verlassen der Anlage Franzensthal durch die Deutschen hier kein Strom vorhanden war, da ja auch die Zuleitungen abgebaut und das oberirdische Wasserkraftwerk, ca. 300 m vom Fabrikgebäude entfernt, stillgelegt worden war. Das US-Militär, das hier untergebracht wurde, musste ein mobiles Kraftwerk zur Stromerzeugung nutzen.

Es wurden weitere Räume hinter dem Einsturz am Ende des Tunnels gefunden. Sie waren anscheinend im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert für die Bedürfnisse der Papierfabrik gebaut worden. Doch von der Produktionshalle fehlt jede Spur!

Von geschichtlicher Aufarbeitung keine Spur

Wenn dreißig Jahre nach der Aufhebung der politischen Teilung Europas in West- und Ostblock, weiter streng geheim bleibt, was die inzwischen aufgelöste Tschechoslowakische Volksarmee geplant hat, ist das schon verwunderlich. Die einzige mögliche Erklärung ist, so Kunc, dass es sich nicht um eine reine Verteidigungsmaßnahme handelte, sondern dass es der militärischen Gewaltanwendung gegen Deutschland dienen sollte. Dem will sich die Tschechische Republik wohl noch nicht stellen.

Während in ähnlichen Anlagen in Deutschland (z.B. Mühldorf) hauptsächlich den Opfern gedacht wird, scheinen in Tschechien die Fragen nach dem Verbleib der sowjetischen Kriegsgefangenen, etwaigen Massengräbern usw. ungehört. Allein ein paar Hobbyforscher, denen es aber vor allem um die baulichen Reste und die Technik geht, sind hier noch aktiv am Suchen.

 

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