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Jahresseminar 2021

Veröffentlicht am 27.10.2021 in Allgemein

Journalist Ulrich Miksch (re.) im Gespräch mit dem Autor Dr. Libor Rouček (li.), der seine Biographie vorstellte.

 

Dr. Libor Rouček: Můj a náš přěbeh - Meine und unsere Geschichte

Der sozialdemokratische Politiker und Wenzel-Jaksch-Preisträger 2020 berichtete aus seinem Leben

Im Rahmen der Literatur-Reihe ´Lorem ipsum´ stellte die Seliger-Gemeinde während des Jahresseminars 2021 in Bad Alexandersbad die Biographie des sozialdemokratischen Politikers und Wenzel-Jaksch-Preisträgers 2020 Dr. Libor Rouček vor. Im Gespräch mit dem Journalisten Ulrich Miksch aus Berlin erzählte Rouček aus seinem ereignisreichen Leben.

Der aus Kladno stammende Libor Rouček emigrierte 1977 nach Wien, dort studierte er dann Politikwissenschaften und Soziologie. Eigentlich wollte ich ja nach Deutschland, aber dort wurde ich nach dem Grenzübertritt verhaftet, weil ich kein gültiges Visum hatte“, erzählte Rouček mit einem Lächeln. Anschließend sei er dann wieder nach Österreich zurück abgeschoben worden. Nach dem Studium begann Rouček bei der SPÖ zu arbeiten und ging 1987 in die USA. Nach einem Stipendium beim Smithsonian Institut in Washington D.C.  arbeitete er von 1988 bis 1991 als Redakteur beim amerikanischen Auslandssender ´Voice of America´. Dann ging er nach London und arbeitete 1991/1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ´Royal Institute of International Affairs´.

Ulrich Miksch wollte vom Autor wissen, wie es sich so in den 1960er und 1970er Jahren in der Tschechoslowakei leben lies und was ihn zur Emigration trieb. Libor Rouček erzählte wie es in seiner Heimatstadt, der Industriestadt Kladno zu ging. „Eine Hälfte der Bewohner – auch meine Familie – arbeitete in den Kohlegruben und die andere in den Stahlwerken. Als ich 16 Jahre alt wurde, bin auch ich in die damalige Poldi-Hütte gegangen, um Geld zu verdienen. Ich habe damals das Gymnasium besucht und drei Jahre lang als Walzwerker gearbeitet – hauptsächlich um mein Hobby, das Motocross-Fahren zu finanzieren.

In den Kohlegruben von Kladno arbeiteten damals auch viele Menschen deutscher Herkunft. Sie stammten aus dem Riesengebirge und aus anderen Teilen des Sudetengebiets. Einer von ihnen brachte dem jungen Libor Rouček Deutsch bei.

Rouček erinnerte an das Jahr 1968, als es eine kurze Zeit relativer Freiheit in der Tschechoslowakei gab. „Man durfte nach vielen Jahren auch wieder in den Westen reisen. Wir waren damals in Jugoslawien und in Österreich. Ich habe gesehen, wie die Menschen in Österreich in Freiheit und Wohlstand leben. Ab da dachte ich oft darüber nach, wie es kommt, dass Menschen nur ein paar Kilometer von der Staatsgrenze entfernt ganz anders als wir leben. Das hat mich sehr beeinflusst. Neun Jahre später bin ich allein ins Exil gegangen – über Jugoslawien nach Österreich.“

Das sei vermutlich die schwerste Entscheidung seines Lebens gewesen, so Rouček weiter. Er habe zwar daran geglaubt, dass sich das Regime irgendwann ändern müsse, aber das war natürlich nicht sicher. „Ich habe etwa drei Jahre lang mit mir gehadert, bis ich mich so stark gefühlt habe, um zu gehen.“ Für das Einzelkind und seine Mutter war das eine sehr schwere Entscheidung.

Das Exil in Österreich war kein Zuckerschlecken: „Die Anfänge waren nicht leicht. Ich habe einige Monate im Flüchtlingslager in Traiskirchen verbracht. Nach etwa einem Jahr hat sich mein Traum erfüllt: Ich konnte ein Studium der Politikwissenschaft an der Universität in Wien beginnen.“ Rouček wurde immer politischer und hat zehn Jahre nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei einen Hungerstreik abgehalten, um auf die Lage aufmerksam zu machen und auch Geld für Dissidenten gesammelt, die in der Tschechoslowakei im Gefängnis saßen.

Rouček: „Österreich und vor allem Kreisky haben die Dissidenten und darunter auch Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei stark unterstützt. Ich habe mich als Sozialdemokrat gefühlt. Schon mein Großvater hatte der Partei angehört. Er hat in der Zwischenkriegszeit als Drucker in einer sozialdemokratischen Zeitung gearbeitet. Nach meiner Ankunft in Wien knüpfte ich Kontakte zu tschechoslowakischen und österreichischen Sozialdemokraten. Sie boten mir eine Stelle im Archiv der Partei an. Das war wunderbar für mich: Ich konnte studieren und zudem etwa 25 Stunden in der Woche in der Dokumentationsabteilung der tschechoslowakischen Sozialdemokraten arbeiten“.

Nach Studium und Dissertation überlegte Rouček, wie er zur Verbesserung der Lage in meiner Heimat beitragen könnte. „Der beste Weg war damals bei ‚Voice of America‘ oder ‚Radio Free Europe‘ zu arbeiten“. Als die Samtene Revolution im November 1989 ausbrach, war Rouček bei ‚Voice of America‘ tätig.

Nach 12 Jahren kam Rouček im Januar 1990 zum ersten Mal wieder nach Prag. „Das war wunderbar, das Land war frei, die Menschen waren begeistert und hatten große Erwartungen. Überall gab es tschechoslowakische Fahnen, das war ein unglaublich schönes Gefühl, das ich zuvor nur einmal erlebt hatte – und zwar 1968.“

Libor Rouček hat dann die Wiedergründung der sozialdemokratischen Partei miterlebt. „Die tschechoslowakische oder tschechische Sozialdemokratie war die einzige sozialdemokratische Partei in Europa, die den Kommunismus überlebt hatte, jedoch im Exil im Ausland. Ich war der erste Journalist, der am 19. November 1989 die Erklärung über die Wiedergründung der Partei verlas. Das war bei ‚Voice of America‘. Ich war die ganze Zeit mit den Exil-Sozialdemokraten in Kontakt.“

1997 kehrte Rouček in die alte Heimat zurück und hat gleich als Parteisprecher bei der ČSSD angefangen. „Einige Monate später haben wir die Wahlen gewonnen, und ich war dann Sprecher der Regierung Zeman.“

Als Regierungssprecher war er mit dem damaligen Premier und heutigen Staatspräsidenten in engem Kontakt. „Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Denn er hat sich stark geändert, er ist kein Sozialdemokrat mehr, er steht den Rechtspopulisten sehr nahe. Zum letzten Mal habe ich ihn vor etwa sieben Jahren gesehen, als er das Europäische Parlament besucht hat.“

Ulrich Miksch wollte wissen, warum Zeman heute den Sozialdemokraten möglichst viel schaden möchte. Rouček konnte auch hierzu eine Geschichte erzählen: „Als ich ihn zum ersten Mal überhaupt traf und mit ihm als Redakteur von ‚Voice of America‘ ein Interview führte, sagte er mir, er sei ein Liberaler und bewundere Winston Churchill. Zwei Jahre später war Zeman ein Sozialdemokrat. Dann trat er nach etwa 13 Jahren wieder aus der Partei aus. Seitdem kokettiert er immer mehr mit den Rechtspopulisten. Warum? Das hängt mit seiner Persönlichkeit zusammen. Er hat ein großes Ego, er ist ein politischer Mann und will unbedingt an die Macht und an der Macht bleiben.“ Eine Rolle spiele dabei auch die Tatsache, dass ihm mehrere seiner damaligen Parteifreunde 2003 bei der Präsidentenwahl nicht ihre Stimme gaben und er damals nicht gewählt wurde.

Libor Rouček machte selbst eine politische Karriere. 2002 wurde er in das tschechische Abgeordnetenhaus gewählt. Im Abgeordnetenhaus war er stellvertretender Vorsitzender der ČSSD-Fraktion, des Europaausschusses sowie des Auswärtigen Ausschusses. Zudem leitete er von 2003 bis 2009 den für Außenpolitik zuständigen Parteiausschuss der ČSSD. Bei der Vorbereitung des tschechischen EU-Beitritts hatte Rouček ab 2003 ein Mandat als Beobachter im EU-Parlament. Bei der Europawahl 2004 wurde er schließlich in das Europäische Parlament gewählt und gab dafür seinen Sitz im tschechischen Abgeordnetenhaus auf. Im Parlament schloss er sich der sozialdemokratischen Fraktion an und war von 2006 bis 2009 erster stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten, Menschenrechte, Gemeinsame Sicherheit und Verteidigungspolitik. Bei der Europawahl 2009 gewann er erneut ein Mandat und wurde anschließend zum Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments (bis 2012) gewählt. Heute ist er Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums.

Die Biografie von Dr. Libor Rouček mit dem Titel „Můj a náš příběh“ ist auf Tschechisch erschienen. Bisher gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Der Autor sucht noch einen entsprechenden Verlag.

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