Filmplakat
Die dunkelblaue Welt
Film und Diskussion mit Filip Bláha – zum Schicksal der tschechischen RAF-Piloten
Nach einem ereignisreichen und langen Tag war der von Filip Blaha präsentierte Film wieder eine Herausforderung. Die dunkelblaue Welt (Dark Blue World - Originaltitel: Tmavomodrý svět) ist ein Kriegsfilm aus dem Jahr 2001. Regie führte Jan Svěrák, die Hauptrolle spielte Ondřej Vetchý.
Der Film, der acht Millionen US-Dollar kostete und damit der bis dahin teuerste tschechische Film war, wurde in Tschechien, Deutschland und Südafrika gedreht. Seine Premiere feierte der Film am 17. Mai 2001 in den tschechischen Kinos, wo er ein Kassenschlager wurde. Am ersten Wochenende nach der Premiere wurde in den Prager Kinos ein neuer Rekord aufgestellt. In den Vereinigten Staaten startete Dark Blue World am 28. Dezember 2001 und spielte dort über 250.000 US-Dollar ein. In Deutschland lief der Film am 2. Mai 2002 an.
Regisseur Jan Svěrák macht die bisher unerzählte Geschichte der tschechischen Exilpiloten während der kommunistischen Herrschaft erstmals einem breiten internationalen Publikum bekannt – in einem Film, der ein virtuos gefühlvolles Erlebnis mit einzigartigen Schauspielern, brillianten Bildern, guten Dialogen, und großartiger Musik bietet. Bei der Verleihung des tschechischen Filmpreises Böhmischer Löwe gewann der Film in den Kategorien Beste Kamera, Beste Regie, Bester Schnitt, Beste Musik sowie den Kritikerpreis und den Preis für den Film mit dem höchsten Einspielergebnis. Er wurde auf den Filmfestivals in London und Toronto gezeigt und erhielt allgemein positive Kritiken.International blieb der Film eher unbeachtet.
Handlung
1950, während des Kalten Krieges, ist František „Franta“ Sláma (Ondřej Vetchý) in der Tschechoslowakei inhaftiert, weil er zuvor in der RAF gedient hat. Seine Erinnerungen an den Krieg beginnen 1939, nur wenige Tage vor dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Nach dem Einmarsch wird die tschechoslowakische Armee aufgelöst und die Luftwaffe muss ihre Flugzeuge abgeben. Franta und sein junger Freund Karel Vojtíšek (Kryštof Hádek) weigern sich jedoch, sich den Besatzern zu unterwerfen und fliehen nach Großbritannien, um sich der RAF anzuschließen.
Die Briten zwingen die Tschechoslowaken zur Umschulung, was sie wütend macht, vor allem Karel, der es kaum erwarten kann, gegen die Deutschen zu kämpfen, und der sich gedemütigt fühlt, weil ihm das, was er bereits weiß, noch einmal beigebracht werden soll. Karel hält auch den obligatorischen Englischunterricht für eine sinnlose Zeitverschwendung. Da die RAF während der Schlacht um Großbritannien dringend Piloten braucht, werden die tschechoslowakischen Flieger schließlich zugelassen. Nach ihrem ersten Einsatz wird ihnen klar, warum die Briten sie so intensiv ausgebildet haben: Ein junger Tschechoslowake wird von einer Messerschmitt Bf 109 abgeschossen und getötet. Franta wird Kommandeur der Einheit, der jüngere Karel wird ihm unterstellt.
Beim Abschuss eines Heinkel He 111-Bombers wird Karels Spitfire-Jagdflugzeug abgeschossen. Es gelingt ihm jedoch zu überleben und sich auf einen Bauernhof durchzuschlagen. Dort lernt er Susan (Tara Fitzgerald) kennen und verliebt sich in sie, obwohl sie ihn für viel zu jung hält. Am nächsten Tag, nachdem er zum Flugplatz zurückgekehrt ist, bringt Karel Franta zu Susan. Franta beginnt, sich zu Susan hingezogen zu fühlen, obwohl Karel glaubt, dass Susan an ihm interessiert ist.
Nach einem Einsatz in Frankreich, bei dem das Geschwader einen Zug angreift, wird Karel abgeschossen, aber Franta landet und rettet ihn, was zeigt, dass ihre Freundschaft Bestand hat. Bald darauf erfährt Karel jedoch, dass sich eine Art Dreiecksbeziehung zwischen Susan und Franta entwickelt hat, was zu einem Streit zwischen den beiden Freunden führt. Später im Krieg hat Frantas Spitfire bei der Eskortierung amerikanischer Bomber eine Fehlfunktion und er ist gezwungen, ins Meer zu stürzen. Sein Rettungsfloß platzt, als er es aufblasen will, und Karel versucht, sein eigenes Floß abzusetzen, fliegt aber zu tief und stürzt tödlich ab. Das Floß taucht aus dem Wasser auf, so dass Franta überleben kann.
Als der Krieg zu Ende ist, fährt Franta zu Susans Haus, wo er ihren verletzten Ehemann vorfindet, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Da er weiß, dass er keine Zukunft mit Susan hat und ihre Ehre bewahren will, gibt er vor, sich verfahren zu haben, und fragt nach dem Weg in die nächste Stadt. Franta kehrt in die Tschechoslowakei zurück und stellt fest, dass seine alte Freundin den Arbeitsvermittler aus der Nachbarschaft geheiratet hat, ein Kind zur Welt gebracht und seinen Hund Barča übernommen hat. Dem enttäuschten Franta bleibt nichts anderes übrig, als die Situation so stoisch zu ertragen, wie er kann.
Eingebettet ist diese Handlung, die in Rückblenden erzählt wird, in die Geschichte Frantas, der wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in einem stalinistischen Arbeitslager einsitzt. Die an die Regierungsmacht gekommenen Kommunisten hatten die ehemaligen Freiheitskämpfer festgesetzt, weil sie fürchteten, dass diese sich auch gegen die eigene Regierung wenden. Zu Beginn der 1950er Jahre aus der Gefangenschaft entlassen, werden Franta und seine Kameraden erst 1991 offiziell vom Tschechischen Staat rehabilitiert – zu einem Zeitpunkt, als viele von ihnen schon tot sind.
Kritik
Die Kritik in Deutschland war eher durchwachsen. So erntete die Leistung der Darsteller durchweg Lob und auch die technische Qualität und Choreografie der Flug- und Kampfszenen wurden – angesichts des international gesehen knappen Budgets – positiv hervorgehoben.
Nach Ansicht französischer Luftfahrtspezialisten aus dieser Zeit ist dieser Film eine der besten und getreuesten Darstellungen des Lebens einer kämpfenden Einheit der RAF.
Der tschechische Regisseur Jan Sverak rückt die fast vergessene Tatsache ins Bewusstsein der Zuschauer, dass tschechische Piloten in der Royal Air Force gegen Nazi-Deutschland gekämpft haben. Es ist aber weit mehr als ein Fliegerfilm aus dem 2. Weltkrieg, denn einer der Helden von damals, Franta (Ondrej Vetchy) war in die Heimat zurückgekehrt und wurde prompt von den Kommunisten ohne Verfahren in ein Arbeitslager gesteckt. Freiheitskämpfer sind den Stalinisten suspekt. Die Flugpiloten seien nämlich von der Demokratie und der Freiheit zu sehr beeinflusst worden.
Anders als in den großen Hollywood Produktionen wie "Pearl Harbour" setzt das Drehbuch auf differenzierte Persönlichkeiten. Das Individuum hat hier Vorrang vor einer pompösen Panoramaschau. Besonders das überraschende Ende demonstriert, wie der Krieg die Menschen durcheinander gewirbelt hat. Neue Beziehungen aufbaut, auch welche beendet.
Tschechische RAF-Piloten - Geschichtlicher Hintergrund
Filip Bláha hatte vor der Filmvorführung einen kurzen Exkurs in die Geschcihte der tschechischen RAF-Piloten gegeben. Dabei erfuhren die Zuhörer, dass während des Zweiten Weltkriegs fast 2500 tschechoslowakische Flieger in der RAF dienten. Zwischen Juli 1940 und Mai 1941 wurden insgesamt vier tschechoslowakische Geschwader innerhalb der RAF gebildet, davon drei Jagdgeschwader und ein Bombergeschwader. Zudem wurden tschechoslowakische Piloten britischen Staffeln zugeteilt. Ihr Einsatz hat darüber hinaus wesentlich zur Anerkennung sowohl der tschechoslowakischen Exilregierung in London als auch der Tschechoslowakei als alliierte Macht nach dem Krieg beigetragen.
Die tschechischen RAF-Angehörigen riskierten bei einer Gefangennahme besonders harte Strafen: sie wurden nicht als Kriegsgefangene behandelt, sondern konnten wegen Hochverrat nach dem § 91 bzw. § 91a des Reichsgesetzbuches zum Tode verurteilt werden, weil sie als Bürger des Protektorats Böhmen und Mähren nicht als Ausländer betrachtet wurden.
Von den etwa 2500 Luftwaffenangehörigen, die bei der RAF dienten, kehrten 1945 etwa 1400 zurück in die Tschechoslowakei, mindestens 250 blieben im westlichen Ausland.
Nach dem Februarumsturz von 1948 kam es – neben den anderen Schauprozessen – auch zu Prozessen und Säuberungen in der Armee, unter anderem gegen die ehemaligen Armeeangehörigen an der Westfront, d. h. auch gegen die Piloten der RAF. Der Hintergrund war das Misstrauen der kommunistischen Partei der Armeeführung gegenüber, die noch aus der Zeit der früheren bürgerlichen Republik stammte und während des Krieges zum Teil im Westen tätig war. Viele der Soldaten wurden verhaftet, bei Verhören häufig gefoltert und – meist wegen Spionage für westliche Mächte – zu hohen Haftstrafen verurteilt oder hingerichtet. Weitere Soldaten wurden ohne eine Gerichtsverhandlung in Arbeitslagern interniert.
Diejenigen, denen eine Verurteilung erspart blieb, wurden auch aus ihren zivilen Berufen entlassen, mussten ihre Wohnungen räumen. Betroffen wurden auch die Familien: auch die Ehefrauen wurden entlassen, den Kindern wurde der Zugang zu Studium verweigert.
Die ersten umfangreicheren Schritte zu einer Wiedergutmachung datieren erst 1968 während des Prager Frühlings, wurde allerdings mit dessen Niederwerfung beendet. Erst weitere 22 Jahre später konnte die Rehabilitierung durchgeführt werden, welche sowohl die juristische wie auch die gesellschaftliche Wiedergutmachung bedeutete.
Aufgrund der Vorschläge zahlreicher privater Vereinigungen wurde 1990 durch den Verteidigungsminister die Zentrale Rehabilitationskommission (Centrální rehabilitační komise) errichtet. Diese Kommission musste zuerst überhaupt die Namen und Anschriften der Luftwaffenangehörigen im Inland wie Ausland feststellen, sie empfahl dann anschließend weitere Schritte, die außer der gerichtlichen Wiedergutmachung auch Entschädigungen, Beförderungen usw.