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Frühjahrsseminar 2025

Veröffentlicht am 12.05.2025 in Allgemein

Dietmar Schultke (re.) im Gespräch mit Ulrich Miksch (li.)

 

Einsamkeit, Kälte und Gegenwind

DDR-Zeitzeuge, Autor und ehemaliger DDR Grenzsoldat Dietmar Schultke im Gespräch mit Ulrich Miksch

Der 1967 in Beeskow, Mark Brandenburg/DDR geborene Dietmar Schultke besuchte die Ludwig-Leichhardt Oberschule in Trebatsch, unterhielt seit dem zehnten Lebensjahr eine Brieffreundschaft mit der in New York lebenden Elisabeth Rosner. Die Briefe weckten sein Fernweh. In der Ex-DDR ein unerfüllbarer Wunsch. Dann kam auch noch sein Dienst als DDR-Grenzsoldat dazu. Im Gespräch mit Ulrich Miksch erinnerte sich der heute 58jährige Dietmar Schultke an seine Jugend.

 

Nach der Schule begann er eine Lehre zum Zerspanungsfacharbeiter für Bohrwerkstechnik. 1986, mit 19 traf er seine Brieffreundin aus N.Y. in Ungarn. Sie sprachen über eine mögliche Flucht, besuchten sogar die US-Botschaft, doch letztlich hatte sie Angst vor dem Geheimdienst. Von 1987 bis 1988 diente Schultke „unfreiwillig“, wie er sagte, als DDR-Grenzsoldat an der innerdeutschen Grenze. Hier hoffte er auf eine Fluchtchance in den Westen, aber die Geheimbeurteilungen der Offiziere sorgten dafür, dass er nur im Hinterland eingesetzt wurde. So kam er als Hundeführer auf den Brocken im Harz und der perfide Überwachungsapparat sowie der Schießbefehl verhinderten seine Flucht.

 

Während eines Kurzurlaubs konnte er am Bruce Springsteen-Konzert in Ost-Berlin teilnehmen, „ein atemraubendes Erlebnis“, erzählte Schultke weiter. „Wir feierten über vier Stunden wie im Rausch seine Lieder“ - danach ging es zurück an die DDR-Grenze. „Und der Horror ging weiter“.

Wegen eines Verstoßes gegen die Dienstwaffenordnung, er ließ nach einer Grenzschicht die Kalaschnikow im Wald zurück, wurde er vom Gefreiten zum Soldaten degradiert. Die Degradierung war sein „glücklichstes Erlebnis bei den Grenztruppen“, wenngleich er als Strafe eine Urlaubssperre und Arbeitsverrichtung aufgedrückt bekam. Zwischen 1988 und 1990 arbeitete er als Krankenpflegehelfer in Beeskow und Eisenhüttenstadt.

Im Winter 1989/1990 gelangte er über das Notaufnahmelager Marienfelde endlich nach Westdeutschland. Hier lebte er ein halbes Jahr in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Anschließend reiste er für mehrere Monate durch die USA und Kanada. Danach holte er an der Otto-Brenner-Schule Hannover das Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und belegte ein Studium der Politikwissenschaften, Stadt- und Regionalplanung, Erziehungswissenschaften und Psychologie an den Universitäten Duisburg und Dortmund. Gaststudien am Occidental College (USA), einer privaten Hochschule, an der auch Barack Obama studierte, sowie über die Geschichte des europäischen Eisernen Vorhangs an der Karls-Universität Prag rundeten seine Ausbildung ab.  

 

1994 war Schultke nach eigenen Angaben beim Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen in New York tätig und 2000 auf der EXPO in Hannover. 1999 erschien sein Buch „Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer“ im Aufbau-Verlag Berlin. Seit 2001 engagiert er sich in der Jugendarbeit. So übernahm er Ende 2006 die Stelle des Jugendkoordinators im Amt Unterspreewald und organisierte 2008 eine Schreibwerkstatt für Jugendliche, die sich den Namen „Junge Autoren im Auftrag für die Heimat“ gaben. Aus den Exkursionen in die Heimatregion Spreewald entstanden Reiseberichte, die 2009, 2010 und 2011 als Buch erschienen. Seitdem präsentiert Schultke seine Bücher auf Lesereisen im In- und Ausland. Von 2017 bis Anfang 2020 arbeitete er als Referent für historische Bildung im Landkreis Dahme-Spreewald. Aktuell ist er u.a. mit einem Buchprojekt über die Lebensgeschichte seiner Mutter Erika beschäftigt.

Im Gespräch mit Ulrich Miksch erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer, dass Schultke als Wehrpflichtiger auf dem Brocken mit Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner ins Gespräch kam. Thema: die extremen Witterungsbedingungen am Berg. Nachdem Messner sein Buch „Keiner kommt durch“ gelesen hatte, erhielt er folgende Antwort: „Lieber Dietmar Schultke, Ihre Erfahrungen am Brocken kann ich nachempfinden, habe ich doch Einsamkeit, Kälte und Gegenwind selbst erlebt.“

Ausführlich berichte Schultke, wie es sich anfühlt, „als zwangsrekrutierter Jugendlicher in einer kommunistischen Diktatur herangenommen zu werden“. Auch den Brocken stellte Schultke den Seminar-Teilnehmern aus seiner Sicht vor:Der Brocken ist mit 1.141 Metern der höchste Berg des Harzes und Norddeutschlands, er wurde als Blocksberg in Goethes Faust verewigt. Im Kalten Krieg war  er ein Berg der Teilung. Für mich wahrhaftig ein „Block“ oder „Klotz“ am Bein auf meinem erhofften Weg in die Freiheit! Hier bewachte ich über ein Jahr meine eigene Gefangenschaft!“ Auf der Brockenkuppe befanden sich die Abhöranlagen der Roten Armee und der Stasi. Heute ist der Brocken mit jährlich über einer Million Besuchern einer der beliebtesten Wander-Berge Deutschlands.

Die eigene Leidenszeit bei den Grenztruppen der DDR hat Dietmar Schultke zuerst verstört und zutiefst aufgewühlt und dann zum akribischen Chronisten werden lassen. Seine Recherchen, Archivfunde und dokumentarischen Aufzeichnungen veranschaulichen unwiderlegbare Fakten aus der Zeit des Kalten Krieges.

Buchtipp: Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer, Aufbau Verlag Berlin, ISBN 978-3-7466-8157-3

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