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Bedeutende Persönlichkeiten

Veröffentlicht am 07.10.2025 in Allgemein

Heinrich Nitschmann (1874-1958)

Pionier der nordmährisch-schlesischen Arbeiterbewegung.

Am 4. November 1874 wurde in Zauchtel im nordmährischen Kuhländchen mit seiner Hauptstadt Neutitschein Heinrich Nitschmann als Sohn des Mauererpoliers Heinrich Nitschmann und der Theresia Michalke geboren. Mit dessen Namen ist ein Stück sudetendeutscher Geschichte verknüpft, denn dieser Maurersohn, der schon während seiner Schulzeit als Hirtenjunge verdingt wurde, hat die wechselvollen Schicksale einer Sozialistengeneration erlebt, die aus dem Dunkeln einer geschichtslosen Vergangenheit ins Helle des geschichtlichen Handelns trat und dann ungebeugt durch die Katastrophengewitter des 20. Jahrhunderts schritt. Die Leistungen seines Kämpferlebens aufzuzählen, hieße die Geschichte der altösterreichischen und sudetendeutschen Arbeiterbewegung in diesem östlichen Zipfel des sudetendeutschen Siedlungsgebietes nachskizzieren.

Nach dem Besuch der Zauchtler Volksschule erlernte er das Sattlerhandwerk, z.T arbeitete er als Pferdeknecht. Sozialist wurde der damals Siebzehnjährige, der am 1. Mai 1891 der ersten Maifeier* beiwohnte und das Programm der Sozialdemokratie vernahm, das ihm wie eine Offenbarung klang. Dieses Evangelium der Armen und Unterdrückten zu verbreiten, machte er sich zur Lebensaufgabe. Mit 18 schloss sich der junge Fabrikarbeiter im Jahre 1892 der sozialistischen Bewegung an. In den 1890er Jahren war er in Jägerndorf-Würbenthal am Aufbau der Arbeiterorganisation maßgeblich beteiligt. Später wirkte er in Wien und der Steiermark wo er bald als „staatsgefährdendes Subjekt“ die Aufmerksamkeit der Polizeibehörde weckte.

Hier sei aber einmal zusammengestellt, wie oft ein gesinnungsfester sudetendeutscher Sozialdemokrat mit den verschiedensten Gefängnissen Bekanntschaft machen musste. Mit 19 Jahren wurde Heinrich Nitschmann 1893 wegen seiner politischen Tätigkeit verhaftet und saß im Landgericht Troppau eine Strafe wegen Verbreitung verbotener Flugblätter ab. Trotz Verbots durch die Gemeinde organisierte er zusammen mit Heinrich Schulig am 25. Februar 1895 im Gasthaus Mannaberg die erste sozialdemokratische Versammlung in Zauchtel.

Im Jahre 1900 wurde die erste sozialdemokratische Organisation, der sogenannte Junggesellenklub gegründet, Nitschmann wurde Sekretär der Sozialdemokratischen Partei Neutitschein. Auch in der österreich-ungarischen Armee wurde er wegen dieser Gesinnung verfolgt. Ins Zivilleben zurückgekehrt, rückte er bald zu den führenden Vertrauensmännern der Bewegung auf und wurde einer der führenden Funktionäre der Partei in Nordmähren. Er wurde Kreisgewerkschaftssekretär und 1918 Kreisvorsitzender der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP)in Neutitschein. Nach den ersten Gemeinderatswahlen 1919, bei denen die Sozialdemokraten in Zauchtel zweitstärkste Partei wurden, zog auch Heinrich Nitschmann in die Gemeindevertretung ein.

Neben seinen politischen Aktivitäten war er auch unternehmerisch tätig. In der Nähe des Bahnhofs errichtet er zusammen mit der Großeinkaufsgesellschaft des österreichischen Konsumvereins ein Lagerhaus mit einer Bierabfüllerei für die Arbeiterbrauerei in Mährisch Ostrau. Nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Nitschmanns Kriegserinnerungen am 4. November 1924 im „Sozialdemokrat“ abgedruckt wurden, musste er das Geschäft aufgeben.

Heinrich Nitschmann ist von der nordmährisch-schlesischen Sozialdemokratie von 1907 bis 1935 immer wieder als Parlamentskandidat herausgestellt worden. Die besonderen Verhältnisse im Ostrauer Wahlkreis ließen ihn leider nicht zum Zuge kommen. Aus den Wahlkämpfen der ersten Vorkriegszeit kannte er Professor Masaryk und auch Karl Renner. Als Redner einer Versammlung am 4. März 1919 für das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen wurde er als Wortführer um das Selbstbestimmungsrecht von tschechischen Gendarmen abgeführt und unter Hochverratsanklage gestellt. Die Bekanntschaft mit Masaryk holte ihn bald aus dem tschechischen Gefängnis heraus.

Unermüdlich wirkte er in den Zwischenkriegsjahren in der Kleinbauernbewegung, in der Sozialdemokratischen Partei und in den freien Gewerkschaften weiter. In der Folge bekleidete Nitschmann eine Reihe wichtiger Funktionen, wie Staatsbeauftragter für die Bodenreform, Vertreter der sudetendeutschen Kriegsverletzten beim Sozialministerium, Mitglied des Bezirksausschusses usw. In fast allen Parteitagsprotokollen der sudetendeutschen Sozialdemokratie ist sein besonnenes Wort und sein kluger Rat nachzulesen.

In vielen Reden und Zeitungsartikeln warnte Heinrich Nitschmann vor den Gefahren des Nationalismus, dafür wurde er sofort nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1938 als „Volksverräter“ verhaftet und unter Begleitung von drei Autos voll Bewaffneter abgeführt. Durch das Dazwischentreten von Nationalsozialisten, welche sein anständiges Benehmen gegenüber politischen Gegnern mit Anständigkeit vergalten, blieb ihm das Schlimmste erspart. Seine Stimmungsberichte, die er in Privatbriefen an Freunde in Schweden weiterleitete, waren Meisterstücke der Irreführung der Zensur und wichtige Informationsquellen der Emigration.

Sein Bruder Josef Nitschmann war von 1944-1945 letzter deutscher Bürgermeister in Zauchtel und nach der Vertreibung erster Ortsbetreuer.

1945 wurde Heinrich Nitschmann als bekannter Deutscher selbstverständlich wieder von den Tschechen verhaftet, aber auf Intervention anständiger Tschechen wieder freigelassen. Nitschmann schlug sich damals nach Österreich durch und sandte über den Staatskanzler Dr. Karl Renner die ersten Berichte über die Austreibungsschrecken in Nordmähren und Schlesien nach London. Dabei wurde er auf Grund einer Denunziation aus Prag als „Jaksch-Agent“ von den Russen verhaftet. Nitschmann simulierte aber auf dem Bahnhof Aspang eine schwere Erkrankung und konnte anschließend aus dem Krankenhaus entfliehen. Zu Hause angelangt, erlaubten ihm die Tschechen als einen bekannten Hitlergegner bei der Ausreise einige Habseligkeiten mitzunehmen. An der Grenze bei Asch wurde Nitschmann aber restlos ausgeplündert und als Bettler kam er bei seinen Wigstadtler Gesinnungsfreunden in Kitzingen an. Nitschmann bleib auch in seiner neuen unterfränkischen Heimat Dettelbach bei Kitzingen unermüdlich politisch tätig. Mit alten tschechischen Freunden führte er rege Korrespondenz.

Heinrich Nitschmann ist am 7. Dezember 1958 im 85. Lebensjahr in Dettelbach/Unterfranken verstorben.

Heinrich Nitschmann, dieses Urbild mährisch-schlesischer Rechtschaffenheit und Zähigkeit ist sich und der sozialistischen Bewegung immer selber treu geblieben. Bis in die letzten Wochen seines Lebens war Nitschmann ein fleißiger Briefeschreiber, und für das Seliger-Archiv hat er wertvolle Erinnerungen aufgezeichnet. Wenzel Jaksch in seinem Nachruf in der Brücke Dezember 1958: „Heinrich Nitschmann aber wird ein Vorbild für alle Kommenden bleiben, die der Sache des Sozialismus ehrlich dienen wollen“!

 

 

*Heinrich Nitschmann: Erinnerung an meine erste Maifeier

In dem kleinen schlesischen Industriestädtchen O. stand ich im Jahre 1891 im letzten Lehrjahr und hatte nach dem 1. Mai nur noch einige Wochen bis zur Freisprechung. Mit einem Schulkameraden, einem Maschinenschlosser, kam ich öfter zu einer Plauderstunde zusammen. Dabei erzählte er mir eines Tages, dass er bereits Mitglied des Arbeiterbildungsvereins sei und aktiv an der Maifeier teilnehmen werde. Ich hatte bei meinem Meister eine bittere Lehrzeit zu erdulden, vierzehnstündige Arbeitszeit, kein freier Sonntag, kein Lohn, kurz ich führte, wie damals viele andere, das Leben eines Sklaven. Die Schilderungen über die Bestrebungen der organisierten Arbeiter mussten daher bei mir reges Interesse erwecken. Ich beschloss, ebenfalls an der Maifeier teilzunehmen.

Trotz aller Drohungen durch Staat, Kirche, Unternehmen und dem Aufgebot an Infanterie und bewaffneten Gendarmen zog ich am Morgen des 1. Mai meinen besten Anzug an, huschte ungesehen zur Tür hinaus und ging dem Arbeiterzug aus F. entgegen. Wie war ich aber enttäuscht, als statt eines Demonstrationszuges sieben Männer mit breitrandigen Hüten, roten Krawatten und Nelken ankamen, hinter denen zwei Gendarmen mit aufgepflanzten Spießen marschierten. Es sah eher einem Gefangenentransport, als einer Demonstration freier Arbeiter ähnlich. Vor dem Vereinslokal standen wieder Posten, und da ich als jugendlicher Ausreißer doch kein ganz reines Gewissen hate, stieg ich über die Mauer und gelangte so doch in die Versammlung. Was ich dort hörte, begeisterte mich derart, dass ich beschloss, trotz Tod und Teufel mitzuarbeiten und sofort Mitglied des Arbeitervereins zu werden. Mein Meister äußerte nach meiner Rückkehr nur, dass er Gott danken werde, wenn meine Zeit um sei. – ich war es auch. Seit dieser Begebenheit sind 64 Jahre vergangen. Viele Forderungen von damals haben sich erfüllt, aber viele müssen noch erkämpft werden.                                                                                                                                                                                                                 H. Nitschmann, 1. Mai 1955

 

Quellen: Chronik der Marktgemeinde Zauchtel (Mähren), Wiener Arbeiterzeitung vom 6. Juli und 17. Oktober 1911, Sozialdemokrat vom 4.11.1924, Die Brücke 1955 und 1958

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