Zimmermann, geboren 1946 in Aalborg/Dänemark, wohin seine Familie aus Danzig geflohen war, ist Historiker und wissenschaftlicher Bibliothekar. Er war von 1996 bis 2011 Leiter der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, wo er mit vielen tschechischen Exilanten persönlich zusammenarbeitete. Zimmermann studierte Geschichte, Politische Wissenschaft und Geographie an der TU Darmstadt. Ab 1975 war Zimmermann Bibliotheksreferendar an der Universitätsbibliothek Düsseldorf und am Bibliothekar-Lehrinstitut Köln. 1977 legte er das Assessorexamen ab. Im selben Jahr begann er seine Arbeit als Fachreferent in der Bibliothek der FES. Zimmermann ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bonn.
Bei der Vorbereitung seines Referats, so Zimmermann, wurde ihm rasch klar: drei der sechs Kolleginnen und Kollegen auf der wissenschaftlichen Referentenebene besaßen böhmisch-mährische Wurzeln. Jaroslav Langer und Sheila Ochová (später Och) mussten die Tschechoslowakei nach Niederschlagung der Demokratiebewegung nach 1968 verlassen. Der Sudetendeutsche Johann Frömel hatte nach Ausweisung seiner Eltern aus Teplitz-Schönau Jahre vorher seine Heimat in Richtung der sowjetisch besetzten Zone verlassen müssen. Sein eigenes bibliothekarisches Schicksal war eng mit dem von Jaroslav Langer verknüpft. Langer verließ die Stiftung 1977 und Zimmermann durfte seine Nachfolge antreten. Langers Ehefrau Alina wurde seine neue Arbeitskollegin.
Erst im Laufe vieler Jahre und nach Gesprächen mit vielen Kolleginnen und Kollegen erkannte Zimmermann, welch abenteuerliche Wege seine Kolleginnen und Kollegen gehen mussten, um letztendlich in Bonn in der ältesten politischen Stiftung „in Sicherheit“ zu gelangen. „Ihr Schicksal verdient es, zum 100. Geburtstag der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) festgehalten zu werden“, so der Referent.
Jaroslav Langer (1918-2008) und Josef Šádek (1916-1972)
„Historiker kennen die Situation nur zu gut“, so Zimmermann in seinem Vortrag: „Persönliche Erinnerungen an die Protagonistinnen und Protagonisten, die es vorzustellen gilt, verblassen rasch. Nach einigen Jahrzehnten sind authentische Quellen nur verstreut zu finden oder sind ganz verloren gegangen“. Jaroslav Langer mache keine Ausnahme. Schon aus Datenschutzgründen könne das Todesdatum nicht genau rekonstruiert werden, Personalakten existierten nicht mehr. „Langers „wildes“ und widerständiges Leben muss aus vielen Puzzleteilen zusammengesetzt werden“, erklärte Zimmermann.
Jaroslav Langer wurde am 18. März 1918 im mittelböhmischen Mlada Boleslav (Jungbunzlau), der Stadt der Skoda-Werke, in eine jüdische Familie hineingeboren. Von 1937 bis 1939 studierte er an der Juristischen Fakultät der Karls-Universität Prag. Zu Studienbeginn trat er der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Československá sociálně demokratická strana dělnická) bei. Nach Einmarsch der deutschen Truppen floh er nach Polen, dort wurde er von der Gestapo verhaftet. Nach einer waghalsigen Flucht aus einem KZ-Transport in dem von den Russen besetzten Teil Polens, arbeitete er als Ziegeleiarbeiter, LKW- und Busfahrer. Abermals floh er vor der deutschen Besetzung, wurde ständig verfolgt. Berufe und Ausweispapiere wechselnd, beteiligte er sich an der politischen Widerstandsbewegung. „Dabei handelte es sich um den Widerstandskampf im Warschauer Ghetto“, präzisierte Zimmermann. Nach Kriegsende kehrte er in die Tschechoslowakei zurück.
In Prag nahm Langer nach Kriegsende das Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaft wieder auf, publizierte regelmäßig und weigerte sich, nach der erzwungenen Verschmelzung von Sozialdemokraten und Kommunisten der KPČ beizutreten. Die Folgen waren drastisch: Studienverbot und Verbot journalistischer und wissenschaftlicher Arbeit.
Langer schlug sich zunächst als Arbeiter durch und fand nach geraumer Zeit wieder als Dramaturg, Regisseur, Schriftsteller und politischer Publizist Arbeit und durfte auch ins Ausland reisen. Seit 1954 Mitglied des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, wurde er 1962 als Nonkonformist ausgeschlossen und zu Beginn der Liberalisierungsperiode 1967 als Mitglied in allen Ehren wieder aufgenommen.
Der „Prager Frühling“ sah Langer an der Spitze vieler demokratischer Initiativen. Als Begründer und Mitglied des Hauptausschusses der Gesellschaft für Menschenrechte verfasste er das Programm des „Klubs engagierter Parteiloser“ (KAN). Sein demokratisches Engagement währte nicht lange: Nach Niederschlagung der Demokratiebewegung musste Jaroslav Langer mit seiner polnischen Frau Alina Prag verlassen und siedelte 1969 nach Bonn über. In Bonn traf Langer auf Josef Šádek, der ihm den Eintritt in die FES ermöglichte. Aber auch seine Frau Alina arbeitete mit eingeschränktem Stundenkontingent bei der Bestandserhaltung von Aktenbeständen im Archiv mit.
Nach der „Samtenen Revolution“ in seinem Heimatland intensivierte Langer wieder Kontakt zu Bürgerforen in seiner alten Heimat und beteiligte sich an Vorschlägen und Initiativen zur Festigung und Ausgestaltung der jungen Demokratie. Sein Tod 2008 oder 2009 in Bonn blieb weitgehend resonanzlos.
„Mit der Person Josef Šádeks verknüpft sich auf besondere Weise das Schicksal meines Bibliothekskollegen Jaroslav Langer mit meiner Bibliothekskollegin Sheila (Mirka) Och“, schlug Zimmermann den Bogen zu einer weiteren Mitarbeiterin. Josef Šádek war der Stiefvater von Mirka Och. „Ohne Josef Šádek keine „tschechoslowakische Kolonie“ in der FES“.
Josef („Joschka“) Šádek wurde am 29. Oktober 1916 in Wien geboren und studierte Jura in Bratislava und an der Karls-Universität in Prag. Der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei trat er 1935 bei. 1945 legte er in der Hauptstadt sein Schlussexamen ab. Während der Nazi-Besetzung beteiligte er sich an Widerstandsaktionen. Von 1945 bis zur „Eingliederung“ der sozialdemokratischen in die kommunistische Partei 1948 nahm Šádek die Funktion eines Staatssekretärs im Landwirtschaftsministerium ein. Danach weigerte er sich, der KPČ beizutreten. Nach seiner Entlassung arbeitete der Geschasste in einer Zementfabrik im slowakischen Púchov. 1954 kam es zu einem aufsehenerregenden stalinistischen Schauprozess. Ein Gericht verurteilte Šádek wegen seiner antikommunistischen Haltung zu 22 Jahren Lagerhaft und Zwangsarbeit in den Uranbergwerken von Jáchimov (Joachimsthal). Seine Frau ließ sich in der Haft von ihm scheiden. Die politischen Häftlinge, die ohne Schutzkleidungen in den Uranminen arbeiten mussten, wurden 1960 schwerkrank und, wie sich später herausstellen sollte, unheilbar verstrahlt amnestiert.
Šádek durfte jedoch zunächst keiner sogenannten „geistigen Tätigkeit“ nachgehen, sondern musste zusammen mit vielen weiteren, als „Intellektuelle“ gebrandmarkten ehemaligen Wissenschaftlern, Professoren und Schriftstellern in Prag im Straßenbau arbeiten.
1964 heirate Mirka Ochs Mutter Priska in zweiter Ehe ihren ehemaligen Schulfreund Josef Šádek. Das Paar engagierte sich im Prager Frühling; verließ indes die Tschechoslowakei nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im September 1968. Übergangsweise fand das Ehepaar in der Heimvolkshochschule Bergneustadt der FES eine Unterkunft.
„Wer öffnete dem Exilierten in Bonn die Tore?“, stellte Zimmermann die entscheidende Frage – und präsentierte die Antwort: Der langjährige Betriebsratsvorsitzende der Stiftung Rüdiger Sielaff (1941–2000), den er einst länger über die Rolle der politischen Flüchtlinge in der FES befragt hatte, war sich da ganz sicher: Es war der damals amtierende Minister für gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner, der verfolgten Sozialdemokraten aus Ostmitteleuropa eine Heimstatt bot. Auch Karel Hruby streicht in seiner Geschichte der exilierten tschechoslowakischen Sozialdemokratie die besondere Rolle Wehners bei der Einstellung Šádeks heraus, hebt allerdings auch Carlo Schmid als „Helfer“ hervor.
Allerdings gab es auch innerhalb der FES prominente Fürsprecher für politisch Verfolgte des demokratischen Sozialismus, wusste Zimmermann zu berichten. Horst Heidermann (1929-2018), Leiter des Forschungsinstituts und stellvertretender Geschäftsführer, verbanden freundschaftliche Bande mit einigen tschechischen Exilierten. Heidermann führte mit dem politischen Flüchtling erste Gespräche, um dessen Arbeitsgebiet innerhalb des Forschungsinstituts der FES abzustecken. 1971 übernahm Josef Šádek das Amt eines Generalsekretärs der “Tschechoslowakischen Sozialdemokratie im Exil“ und war wichtiger Kontaktmann zur deutschen SPD und zur Seliger-Gemeinde. Spätestens mit der Ernennung Šádeks verschob sich das Zentrum der exilierten Partei von London nach Bonn. Šádek verstarb am 14. März 1972 an Folgen von Haft und Zwangsarbeit.
Sheila Miroslava („Mirka“) Ochová (1940–1999)
22 Jahre lang arbeitete Zimmermann mit Mirka Och beruflich eng zusammen. In der Literaturwissenschaft hat sie im Genre Jugend- und Kinderliteratur viele Spuren hinterlassen, Nachschlagewerke zum tschechoslowakischen Exil nach 1968 haben ihre Arbeit aufrichtig gewürdigt. Ihre Personalakte konnte Zimmermann studieren. „Kein Mensch nannte sie in der FES Sheila, alle kannten wir sie nur unter dem Vornamen „Mirka““, erinnerte er sich.
Mirkas Tochter berichtete ihm über die engeren Familienzusammenhänge: Mirka Och wurde am 12. März 1940 als Sheila Miroslava Ochová in Redhill, Großbritannien, geboren. Ihre Eltern waren vor den deutschen Nationalsozialisten 1939 aus Prag nach England geflohen - ihre Mutter Priska als Jüdin, ihr Vater Josef Och als sozialdemokratischer Abgeordneter. Josef Ochs Vater, Josef Och sen., war in den 1930er Jahren Generalsekretär der tschechoslowakischen Sozialdemokratie, wurde später von den Nationalsozialisten verhaftet und starb an den Folgen seiner Misshandlungen. In der Emigration arbeitete Josef Och jun. als Mathematiker und war Mitarbeiter der von Edvard Beneš im Londoner Exil ernannten tschechoslowakischen Exilregierung.
1945 kehrte die Familie aus dem Exil zurück nach Prag. 1946 verschwand Mirkas Vater Josef Och jun. während einer politischen Dienstreise spurlos; es ist naheliegend, dass er als Sozialdemokrat von kommunistischen Gegnern liquidiert wurde, erklärte Zimmermann. Die tschechoslowakischen kommunistischen Behörden weigerten sich jedenfalls jahrelang, einen Totenschein auszustellen. Mirkas Mutter hielt die Familie (Mirka hatte noch zwei jüngere Brüder) durch privaten Englischunterricht finanziell über Wasser. Vater Josef Och jun. wurde am 31.12.1951 also 51/2 Jahre nach seinem Verschwinden, amtlich für tot erklärt, die Leiche wurde nie gefunden.
In der Zwischenzeit haben tschechische Familienforscher viele Lebensdetails der Och-Familie publik gemacht, berichtete Zimmermann weiter. Mirkas Großvater väterlicherseits lebte vom 8. Dezember 1887 bis 15. Juni 1939. Die Prager Nationalbibliothek verwahrt die 1946 posthum veröffentlichte Programmschrift „Socialismus – jediné východisko!“ (Sozialismus – Der einzige Ausweg!).
Nach dem Abitur 1957 studierte Mirka an der Fachhochschule FAMU in Prag mit dem Hauptfach Drehbuch, wo sie bei Milan Kundera „lernte“. 1962 legte sie ihr Examen ab. Nach ihrem Studium wandte sie sich der Literatur und der Arbeit für Film und Fernsehen zu. Die Hinwendung zu Kinderfilmen war ein eher ungewöhnlicher Schritt. Von Zensur und Einmischung zunächst unbehelligt, konnten sich Drehbuchautoren und -autorinnen dort nonkonformistisch, anarchistisch und hochkomisch austoben. Die Filme erhielten auch in Deutschland Bestnoten. Von 1965 wirkte Mirka als Assistentin an der Fachhochschule Prag, dann als Dramaturgin im Kinderprogramm des Tschechoslowakischen Fernsehens in verantwortlicher Stellung. Verheiratet war sie mit dem Dramaturgen, Übersetzer und Drehbuchautor Vladislav Čejchan (1927–2004). Die Ehe wurde 1973 geschieden.
Die Filmemacherin befand sich während des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes 1968 mit Ehemann und Kind in Jugoslawien und verbrachte danach ein Jahr im Exil in der Schweiz. Ein Jahr später kehrte sie mit ihrer Familie in die Tschechoslowakei zurück in der Hoffnung eines besseren Morgens. Stattdessen erhöhten sich die Repressionen und Mirka emigrierte 1971 mit ihrer Tochter Vendulka zu Mutter und Stiefvater nach Bonn.
Eine Hilfe des Stiefvaters beim Einstieg in die Arbeit der FES liegt auf der Hand. Zudem erhielt Mirka Och bei ihrer Anstellung zum 1. Januar 1972 viel Rückenwind vom Leiter des „großen“ Archivs der sozialen Demokratie Kuno Bludau (1930–1989), der als Flüchtlingskind aus angesehener Familie (mit Aufenthalten in dänischen Flüchtlingslagern) wusste, was Zwangsemigration bedeutete. Als leitender Angestellter und Disziplinarvorgesetzter tat Bludau viel dafür, dass der Arbeitsvertrag der tschechischen Dramaturgin alsbald entfristet und sie als Referentin eingestuft wurde.
In der Bibliothek wechselte 1972 die Leitung. Das Ruder übernahm der sprachgewandte Slawist und Osteuropahistoriker Horst Ziska (1930–2018). Zur Herzensangelegenheit des neuen Chefs gehörten bibliothekarische Kontakte nach Ostmitteleuropa. Seit 1973 baute Mirka Och das osteuropäische Fachreferat in der Bibliothek der FES auf. Sie beobachtete den osteuropäischen Buchmarkt, kaufte relevante Literatur ein und wertete die dort erscheinenden laufenden Zeitschriften für die alsbald ins Leben gerufene „Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ aus.
Seit 1979 nahm Mirka Och, die alsbald die deutsche Staatsangehörigkeit erwarb, mit langem Atem ein Vollstudium an der Universität Köln, Fachrichtung Film – Fernsehen – Theaterwissenschaften, Osteuropäische Geschichte und Slawstik auf und beendete es 1992 mit ihrer Dissertation „Lenin im sowjetischen Spielfilm“.
Der Vorsteher des Züricher Sozialarchivs Miroslav Tuček (1925–2004), der 1976 die Rolle des Generalsekretärs der exilierten Partei übernahm, bat als Angehöriger des diplomatischen Dienstes in der Schweiz nach den Schauprozessen in den 1950er Jahren in der Schweiz um politisches Asyl und schloss sich der Sozialdemokratie an. Uneigennützig unterstützte Tuček den Aufbau der Bibliothek in der FES mit Dubletten. „Gegenseitige „Exilsolidarität“ war mit Händen greifbar. An meinen ersten Besuch als junger Doktorand in Zürich, von Tuček mit Handschlag begrüßt, erinnere ich mich heute noch gerne“, so Zimmermann in seinen Ausführungen.
Beim 23. Parteitag im August 1983 in Zürich wurde das gewählte Vorstandsmitglied Mirka Och beauftragt, sich künftig um eine enge Kooperation mit der deutschen Sozialdemokratie zu kümmern. Zu der vierköpfigen Delegation, die am 6. März 1986 in Bonn beim Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale Willy Brandt und dem Internationalen Sekretär der SPD, Hans Eberhard Dingel (1931–2014) vorsprach, gehörte neben den Vorsitzenden Karel Hrubý und Jiří Loewy auch Sheila (Mirka) Och.
„Über ihre Aktivitäten in ihrer Exilpartei teilte Mirka Och Kolleginnen und Kollegen nur wenig mit. Dass sie sich in einem dichten Netzwerk bewegte, war allerdings nicht zu übersehen,“ erinnerte sich Zimmermann weiter. Er führte auch die herzlichen Begrüßungen zwischen dem Vorsitzenden der Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten Volkmar Gabert (1923–2003) und Mirka Och auf und bezeichnete sie als „Seelenverwandte“.
Der Exilparteitag in Heidelberg wählte Mirka Och erneut in den Parteivorstand, wies strategische Einheitsfrontüberlegungen gemeinsam mit kommunistischen Organisationen zurück und erteilte Überlegungen zur Trennung der beiden Landesteile eine Abfuhr. Der erste ordentlichen Parteitag (24.–25. März 1990) nach der „Samtenen Revolution“ in Prag offenbarte einem „Linksruck“, der auf Zusammenarbeit mit den Kommunisten hinausliefe und Och beschrieb aus ihrer Sicht die Naivität der Delegierten. 1990 auf dem Prager Parteitag noch in den Parteivorstand gewählt, trat sie 1991 auf dem Parteitag in Ostrau (6. bis 7. April 1991) nicht mehr an. „Doch sie brachte immer Parteidokumente „wie es sich gehörte“ für ihre Bibliothek mit. Nur in der Bibliothek der FES befindet sich in Deutschland der gedruckte Bericht vom „Erneuerungskongress der tschechoslowakischen Sozialdemokratie““, stellte Zimmermann klar.
Johann („Hans“) Frömel (1935-2019)
Zimmermann fand noch ein paar Worte zur deutsch-tschechischen Befindlichkeit in der Bibliothek der FES. „Es verging kaum eine Woche, in der nicht an den Tischen der Kantine, bei Kaffeepausen oder Referentenbesprechungen die Frage „richtige“ oder „unrichtige“ Behandlung der deutschen Minderheiten in der ersten tschechoslowakischen Republik heiß diskutiert wurde. Dabei ging es nur scheinbar unernst oder witzig-ironisch zu“. Die sudetendeutsche Sicht vertrat Johann („Hans“) Frömel (1935-2019) Hans‘ Wiege stand in Teplitz-Schönau; mit seinen Eltern musste er als Zehnjähriger seine Heimat in die sowjetisch besetzte Zone verlassen. Als Arbeiterkind hatte er keine Schwierigkeiten, zum Studium zugelassen zu werden. Frömel gehörte dem „Eisenberger Widerstandskreis“, einer der größten Widerstandsgruppen in der DDR, an. 1958 als „Anführer“ zu 14 Jahren Haft verurteilt, wurde Frömel 1964 „gegen Bananen“ – wie er zu sagen pflegte – freigekauft.
In der DDR hatte Frömel bereits in Berlin beim „Bibliothekspapst“ Joris Vorstius studiert und konnte nach einem kompletten Neustudium im Westen nahezu zeitgleich mit den tschechischen Emigranten in der Bibliothek der FES ein neues Leben starten. Wohl in keiner anderen deutschen Einrichtung gab es diese spezielle Konstellation im „höheren Dienst“. Und wohl in kaum einer deutschen Forschungseinrichtung diskutierten Kolleginnen und Kollegen das Thema so heiß. Frömel stand im innerbibliothekarischen Diskurs als steter Mahner des an den Sudetendeutschen begangenen Unrechts. Gleichwohl kümmerte sich Mirka Och rührend um den schwer gezeichneten Mann, der sein Trauma nur schwer bewältigen konnte.
„Wer heute den Namen Sheila Och in Suchmaschinen eingibt, wird mit einer Fülle von Treffern konfrontiert. Kaum einer der Treffer spiegelt ihr politisches, bibliothekarisches oder wissenschaftliches Engagement. Nahezu alle „Hits“ beziehen sich auf die Kinderbuchautorin und ihre erfolgreichen Bücher“, kam Zimmermann zum Ende seiner Ausführungen. Doch die vielversprechende Karriere endete jäh. Am 22. August 1999 starb Mirka Och nach einer Herzattacke auf einer Wanderung.
Zu den tschechischen Sozialdemokraten, die ihre Heimat nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in Richtung Bundesrepublik, nach Österreich oder weiter in die Welt hinaus verließen, gehörten u.a. der letzte Vorsitzende der Exilpartei Karel Hrubý (1923–2021) und der Journalist Jiří Loewy (1930–2004), der ab 1978 in Wuppertal die herausragende Exilzeitschrift Právo lidu (Volksrecht) herausgab. Die achtziger Jahre waren für das politische Exil eine optimistischere Zeit und vielleicht ist das der Grund, warum sich auch die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit langsam besser entwickelte. Im Sommer 1989 kurz vor dem Fall des Kommunismus wurde den beiden Hauptakteuren, die die enge Zusammenarbeit mit der Seliger-Gemeinde aufgebaut hatten, auf dem Parteitag der Exilpartei das größte Vertrauen ausgesprochen; Karel Hrubý wurde Vorsitzender, Jiří Loewy Generalsekretär. Engverbunden mit der Parteiführung waren die tschechischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek der FES.
Als Mitglieder der erweiterten Führung der erneuerten Sozialdemokratie nutzen sie ihre Kontakte zum Brückenbau zwischen der neuen tschechischen, demokratischen Politik, deutschen Sozialdemokraten und weiteren Schwesterorganisationen in Europa, die die Erneuerung der sozialdemokratischen Parteien in der postkommunistischen Sphäre zum Ziel hatten und versuchten, diese zu unterstützen. Für diese langjährigen Aktivitäten erhielten Karel Hrubý und Jiří Loewy im Jahr 1999 gemeinsam den Wenzel-Jaksch-Preis. Als ersten Vertretern der tschechoslowakischen Sozialdemokratie überhaupt wurde er ihnen von Volkmar Gabert überreicht, ihrem langjährigen Partner während der Aufnahme der freundschaftlichen Zusammenarbeit.