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Historiker im Gespräch: Thomas Oellermann (Mitte) moderiert das Alexandersbadr Forum 20255 mit Andreas Wiedemann (li.) und Jakub Vrba (re.)
Alexandersbader Forum
Geschichte in der Sackgasse. Diskussion zur Rolle von Geschichtsvermittlung in der heutigen Zeit
„Geschichte wiederholt sich nicht - nie!“ - „Rebellion gegen die Elite“ - „Skandalisierung der Gesellschaft“
In der Podiumsdiskussion im „Alexandersbader Forum“ standen Mgr. Jakub Vrba und Andreas Wiedemann den Zuhörerinnen und Zuhörern Rede und Antwort zum Thema „Geschichte in der Sackgasse“. Moderiert wurde die Runde von Dr. Thomas Oellermann.
Zuerst stellte Oellermann seine beiden Gesprächspartner vor. Jakub Vrba studierte von 2017 bis 2025 Moderne Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Karls-Universität in Prag. Sein Forschungsinteresse lag u.a. bei der Geschichte der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder aber auch bei Erinnerungspolitik und Reflexion der tschechischen Geschichte nach 1989. Am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der philosophischen Fakultät der Karls-Universität arbeitete er von 2018 bis 2020 als externer Dozent und schrieb an einem grundlegenden Werk über Karl Kreibich, dem einstigen Widersacher Josef Seliger beim DSAP-Pateitag 1920. Vrba beschäftigt sich auch mit dem individuellen und kollektiven Gedächtnis sowie Erinnerungsprozessen aus einer soziopolitischen Perspektive heraus.
Andreas Wiedemann ist bei der Seliger-Gemeinde kein Unbekannter. Der Historiker und ehemalige Radio-Prag-Redakteur hat 2023 eine seliger-online-Veranstaltung zu seinem Buch „Komm mit uns das Grenzland aufbauen!“ bestritten - es ging um die Wiederbesiedlung des Sudetenlandes nach der Vertreibung. Heute arbeitet er für die Österreichische Botschaft in Prag im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.
Thomas Oellermann eröffnete das Gespräch mit der porvokanten Frage, ob es eine grundlegende Tendenz zur Neubewertung von Geschichte gebe. Trump und die AfD würden altbekanntes in Verruf bringen. Oellermann sprach das „Denkmal der Schande“, den „Vogelschiss in der Geschichte“ und den „Schuld-Kult“ als AfD-Aussagen an und erinnerte an die Forderung nach einem „Stolz-Pass“ (Stempel sammeln an deutschen Kultstätten) zur Förderung der deutschen Identität. Schließlich sprach er die AfD-Forderung an, die Bildungsarbeit zu überprüfen, da sie zu politisch (links) sei. Auf die Frage ob es in Tschechien ähnliche Tendenzen unter den antideutschen Vertretern der Okomura-SPD oder den Motorista gebe, antworteten die Referenten mit „eigentlich Nein!“ Obwohl die kommunistische Vergangenheit und die Beneš-Dekrete noch sehr präsent seien, ebenso wie der Holocaust an den Sinti und Roma mit tschechoslowakischer Beteiligung, aber auch der Alltags-Antizyganismus in Tschechien weit verbreitet ist , gebe es derzeit keine absehbaren Bemühungen die Geschichte umzuschreiben. „Der Kommunismus ist weg, der Trumpismus ist da und nationalistische Narrativ hört man auch“, so Jakub Vrba. Der einzige greifbare Ansatz der letzten Jahre, sei die von kommunistischer Seite erhobene Forderung die „tschechische Stasi-Unterlagenbehörde“, das seit 2008 bestehende „Institut zur Erforschung totalitärer Regime“ in Prag, abzuschaffen.
Die Regierung Fiala sei hingegen positiv aufgefallen, so die Referenten einmütig, da sie u.a. die Gedenkstätte Lety u Písku, eine Gedenkstätte für die während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Roma und Sinti 2022 auf dem Gelände einer ehemaligen Schweinefarm errichtet wurde, einweihte. Es sei das Ergebnis jahrelanger Bemühungen, um das Gedenken an die Opfer des Holocausts in Würde zu bewahren, nachdem das Gelände lange Zeit ignoriert worden war, so Andreas Wiedemann.
Eigentlich sei die deutsche Aufarbeitung der eigenen Geschichte ja vorbildlich, doch was ist falsch gelaufen, fragte Thomas Oellerman anschließend in die Runde.
Die beiden Referenten stellten hierzu fest, dass die Rechten in ganz Europa, ja, auf der ganzen Welt an Macht und Einfluss gewinnen würden. Deutschland habe sich hier lange positiv abgehoben und werde nun entsprechend überrant. Die „Rebellion gegen die Elite“ gründe wohl darauf, so einer der beiden, das die meisten Akademiker seit den 50ern Jahren eher links einzuordnen seien. „Trump kämpft nicht umsonst gegen die Universitäten und die demokratisch geprägten Städte!“
„Geschichte wiederholt sich nicht - nie!“
Auf die Frage, ob das Erstarken der Rechten in Deutschland mit der Machtergreifung der Nazis gleichzusetzen sei, erklärte Jakub Vrba: „Geschichte wiederholt sich nicht - nie!“ Es sei immer anders, evtl. wären gleiche Mechanismen, ähnliche Gründe sowie vergleichbare Abläufe zu erkennen, aber es sei nie der gleiche Vorgang.
Die Frage nach der oft vor Wahlen, wie etwa von Zeman oder Klaus, gespielten „deutschen Karte“, erklärte Andreas Wiedemann, dass im aktuellen Wahlkampf dies kein Thema gewesen sei. Die deutsch-tschechischen Beziehungen seien auf einem gutem Weg, ja, sie seien wohl so gut wie nie zuvor. Auf lokaler Ebene sei die Versöhnung schon weit fortgeschritten, auf der höheren politischen Ebene brauche es noch etwas mehr Zeit. Nicht von der Hand zuweisen seien aber existierende, zwichenstaatliche Problemfelder, wie etwa bei der Energiepolitik.
Anders verhalte es sich zwischen Polen und Deutschland, wo die antideutsche PIS immer wieder Reparationszahlungen ins Feld führe – in Tschechien seien das nur Randerscheinung seitens der Populisten.
Problematisch sahen die beiden Referenten, dass die neue tschechische Regierung beabsichtige, die Schulreform zurückzunehmen. „Dann lernen wir wieder Telefonbücher auswendig (Schwerpunkt auf Zahlen und Fakten), statt ein echtes Geschichtsbewusstsein zu schaffen“, so Vrba. Bei der Aufarbeitung der Geschichte sahen die Referenten vor allem kleinere, unabhängige Museem im Vorteil. „Die großen Institute stehen da viel eher unter Druck durch Politik und Gesellschaft!“, erklärte Andreas Wiedemann.
„Skandalisierung der Gesellschaft“
Problematisch sei, dass vieles schon heute als zu selbstverständlich angesehen werde, so Wiedemann. Dafür bekäme man dann auch nicht die erhoffe und sicherlich nötige Resonanz. Skandale und Negativ-Schlagzeilen seien für die Presse und die breite Öffentlichkeit viel wichtiger. So nehme die „Skandalisierung der Gesellschaft“ zu und Aussagen wie „Hitler war doch Kommunist“ prägten die politische Diskussionen.
Thomas Oellermann bedauerte, dass sich die Sudetendeutschen seit Jahrzehnten der entscheidenden Frage „Warum kippte die sudetendeutsche Gesellschaft 1935 in den Nationalsozialismus?“ konsequent verweigerten.
Die Abschließende Frage „Was kann man tun?“ beantworten die Referenten unterschiedlich – Jakub Vrba erklärte klar und deutlich „Weitermachen! Positive Ansätze aufgreifen und weitertragen!“. Er nannte dies „alternativlos“. Andreas Wiedemann empfahl Soziale Medien und Soziale Netzwerke besetzen und sie keinesfalls den Populisten zu überlassen.
In der anschließenden Aussprache wurden einzelne Positionen noch vertieft diskutiert.