
Gdingen (Gdynia) 1934 – Blick auf den Hafen
Von Gdingen aus in die Freiheit – und in den Tod
Der polnische Hafen als Fluchtpunkt der sudetendeutschen Sozialdemokratie
Gdingen (polnisch Gdynia) kennt heute kaum jemand – dabei war der polnische Ostseehafen das Schicksal Zehntausender Deutscher und Polen. Auch für die sudetendeutschen Sozialdemokraten spielte Gdingen eine bedeutende Rolle.
Noch vor etwas mehr als 100 Jahren war der Ort ein kleines kaschubisches Fischerdorf an der Ostsee. Zu einer Hafenstadt entwickelte sich Gdingen erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, nachdem Polen 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte. Der Grund für den Ausbau von Gdingen zu einer Hafenstadt lag darin, dass Polen zwar einen Zugang zur Ostsee besaß, den sogenannten polnischen Korridor. Aber es besaß keinen eigenen Hafen.
Als Umschlagplatz für seine Waren nutzte Polen den Danziger Hafen. 1920 kam es dort während des polnisch-sowjetischen Krieges zu einem Zwischenfall. Kommunistische Hafenarbeiter weigerten sich Waffen aus England, die für die polnische Armee bestimmt waren, zu entladen. Der Danziger Hafen galt danach für Polen als nicht mehr sicher. So beschloss das Land den Bau eines eigenen Kriegs-, Handels- und Fischereihafens an der Ostsee. Man entschied sich für Gdingen als Standort.
Die Bauarbeiten (mit finanzieller Unterstützung durch Frankreich) gingen in einem solchen Tempo vonstatten, dass bereits 1923 ein provisorischer Hafen in Betrieb genommen werden konnte. Ein Jahr später begann Polen mit dem Bau des eigentlichen, modernen Hafens, über den beinahe der gesamte polnische Handels- und Passagierverkehr abgewickelt werden sollte.
1926 erhielt Gdingen das Stadtrecht und bis zur Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen 1939 entstand eine moderne Großstadt, deren Architektur durch das Bauhaus geprägt worden war, mit runden Fassaden, klaren Linien und großen Fenstern.
Schon 1933 wurden in Gdingen mehr Waren als im benachbarten Danzig umgeschlagen. Gdingen/Gdynia wurde als polnisches "Tor zur Welt" bekannt
Zentraler Punkt der Fluchtrouten sudetendeutscher Sozialdemokraten
Im Jahr 1938 spielte Gdingen im Zuge der Sudetenkrise eine Rolle als Sammelpunkt für Flüchtlinge. Viele sudetendeutsche Sozialdemokraten flohen aufgrund der politischen Situation nach dem Münchner Abkommen und der folgenden nationalsozialistischen Verfolgung. Viele diese Flüchtlinge wurden von der DSAP in Sammeltransporten von Prag über Gdingen nach Schweden gebracht. Viele suchten aber auch Zuflucht in Großbritannien und anderen Ländern.
Unter ihnen der wohl bekannteste Flüchtling Wenzel Jaksch. Er floh über Polen nach Großbritannien und baute dort eine Exilorganisation auf. Oder der aus Klostergrab bei Dux stammende Karl Maier der nach Norwegen floh. Ein anderer, Willi Hocke, schiffte sich am 23.2.1939 mit dem schwedischen Schiff „Kastelholm“ von Gdingen aus in Antwerpen ein. Willi Hocke und Sohn erreichten im Mai 1939 über Dünkirchen Calais und flüchtete auf dem norwegischen Kohlenschiff „Leka“ nach Southhampten.
Fahrt in den Tod
1939 wurde Gdynia von deutschen Truppen besetzt und die deutschen Besatzer gaben Gdingen den Namen Gotenhafen. Sie nutzten ihn als Marinestützpunkt und für die Reparatur ihrer Kriegsschiffe. Am 20. November 1940 machte das ehemalige Kreuzfahrtschiff Wilhelm Gustloff in Gotenhafen fest und diente bis 1945 als Wohnschiff der 2. U-Boot-Lehrdivision. Nachdem Admiral Hans-Georg von Friedeburg den Befehl zur Evakuierung der Lehrdivision erteilt hatte, lief die Gustloff am 30. Januar 1945 um 13.10 Uhr mit 1.500 Soldaten und Marinehelferinnen und 8.800 Zivilisten an Bord aus.
Neun Stunden später versenkte das sowjetische U-Bott S-13 die Gustloff vor Stolpmünde (Ustka). Mehr als 9.000 Menschen kamen ums Leben. Damit gilt die Versenkung der Gustloff als die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt.