Noch als Student begann Hartmut Krug (li., hier mit Ulrich Miksch im Gespräch) ab 1986auch mit eigenen politkritischen Liedern und Texten aufzutreten. Die DDR-Tabuthemen, die er in seinen Liedern verarbeitete, führten ab 1988 zu Auftrittsverbot Kündigung am Theater sowie Bespitzelung durch die Stasi. Krug ging nach dem Mauerfall auf Reisen: Frankreich, Niederlande, Ukraine, Portugal und Brasilien. Mit dem nötigen Abstand lässt er heute die großen Themen, wie deutsche Identität, Bleiben und Abwandern, Krieg und Frieden, Gewalt unter Jugendlichen und gegen Ausländer, Kaufen und Ausverkauf in seine Lieder einziehen und übersetzt sie in die Alltagskultur des wiedervereinigten Deutschlands. Das Ergebnis sind zahlreiche Gedichte und neue Lieder.
„Eine Kugel für Heydrich“
Hartmut Krug spielt Wenzel Jaksch
Thomas Oellermann präsentierte im Rahmen des Jahresseminars der Seliger-Gemeinde den Film „Eine Kugel für Heydrich“ (2013). Die TV-Serie das „Tschechische Jahrhundert“ beleuchtet die Schlüsselmomente der modernen Geschichte seit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918 bis zu ihrer Auflösung 1992. In dem Film spielt Hartmut Krug Wenzel Jaksch. Krug der in verschiedenen tschechischen Bühnen- und Filmproduktionen mitgewirkt hat, wurde damit einem breiten Publikum bekannt.
Dass die Seliger-Gemeinde den Film bespricht, legitimiert sich aus dem historisch-wissenschaftlichen Interesse und dem Zusammenspiel verschiedenster Charaktere aus denen geschichtliche Entscheidungen und Katastrophen großen Ausmaßes entspringen. Im Gespräch mit Hartmut Krug, der 1988 als junger Schauspieler am Theater Rudolstadt debütierte und als Schauspieler, Regisseur und Übersetzer an deutschen und tschechischen Theatern arbeitete, kam sowohl dessen Arbeit an sich, aber auch seine Erfahrungen mit dem nicht immer einfachen Charakter und der politischen Rolle des Wenzel Jaksch zur Sprache. In einem äußerst interessanten und unterhaltsamen Zwiegespräch erläuterte Hartmut Krug die Herangehensweise und Umsetzung einer Charakterrolle, wie die des Wenzel Jaksch. Eigene Recherchen, die Interpretation der Figur (so weit es der Regisseur zulässt) sind für Krug als Schauspieler wichtig. Aber auch die Interaktion der verschiedenen Rollen an sich und im Speziellen die der damit befassten Akteure, ihre interne Aufarbeitung der Geschichte wurde von Hartmut Krug anschaulich dargestellt. Moderiert wurde das Gespräch vom Journalisten Ulrich Miksch.
Zwei Handlungsstränge zeigen die geschichtlichen Ereignisse auf
Hauptthema des Films ist die Auseinandersetzungen zwischen Jaksch und Beneš im Londoner Exil, ein Thema, das im Laufe des Krieges sich an Dramatik immer mehr steigerte. Parallel dazu wird die Geschichte der Vorbereitung zum Anschlag auf den stellvertretenden Reichsprotektor und Leiter des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich erzählt. Die Vorbereitungen mit dem britischen SOE für das Unternehmen begannen am 20. Oktober 1941. Für die Operation wurden zwei Männer ausgewählt, die beide Landesteile der Tschechoslowakei repräsentierten, der slowakische Warrant Officer Jozef Gabčík und der tschechische Staff Sergeant Karel Svoboda. Während des Trainings zog sich letzterer eine Kopfverletzung zu und wurde durch den Tschechen Jan Kubiš ersetzt. Im Dezember 1941 sprangen mehrere Widerstandskämpfer, darunter Kubiš und Gabčík, in der Nähe von Prag mit Fallschirmen ab. Die beiden Männer führten am 27. Mai 1942 den Anschlag auf Heydrich aus, der das Attentat zwar schwer verletzt überlebte und wenige Tage später starb.
Wenzel Jaksch, der letzte Vorsitzende der sudetendeutschen Sozialdemokratie in der Vormünchner ČSR, ein Mann, dessen ganze politische Arbeit darauf gerichtet war, durch einen fairen, demokratischen Ausgleich mit den Tschechen und Slowaken in der Nationalitätenfrage einen festen Damm gegen die Flut des Faschismus in Mitteleuropa aufzurichten und seine Mitkämpfer und einige Tausend sudetendeutsche Sozialdemokraten waren die ersten Vertreibungsopfer des Nazismus am Vorabend des Krieges. Sie wussten, was zwangsweise Emigration bedeutet, und so waren sie auch die legitimsten Kämpfer gegen die Austreibungspläne, die die tschechische Exilregierung gegen die Sudetendeutschen insgesamt entwickelte und nach Kriegsschluss mit unmenschlicher Konsequenz durchführte.
Der Kampf gegen die Zwangsaussiedlung von über 3 Millionen Sudetendeutschen, wie sie von der tschechischen Exilpolitik vorbereitet und schließlich durchexerziert worden ist, entlarvte die Absurdität der Versuche, kleinbürgerlichem Chauvinismus ein demokratisches Mäntelchen umzuhängen.
Im Kampfe um das Schicksal der Sudetendeutschen offenbarte Edvard Beneš autoritäres Denken und Handeln und benutzte die Demokratie nur als Deckblatt im Pokerspiel um Expansion und unkontrollierte Macht. Die Hauptwaffen Benešs im Kampf um die Austreibung der Deutschen war deren propagandistisch so zweckmäßige Identifizierung mit dem Nazismus. Aus dem nämlichen Grunde war ja auch der tschechischen Exilregierung die Existenz einer sudetendeutschen demokratischen Emigration in London unangenehm, weil sie die international wünschenswerte Optik verdarb. Denn das deutsche sozialdemokratische Exil in England, das sich die Bezeichnung „Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" gegeben hatte, war mit rund 3000 Personen bei weitem stärker als das tschechische.
Machtpolitik und kleinbürgerlicher Chauvinismus gegen die Vision einer europäischen Föderation
Was Jaksch vorschwebte, war eine mitteleuropäische Föderation mit weitgehenden wirtschaftlichen Verklammerungen, welche die Nachteile einer ethnischen Grenzziehung für die kleineren Nationen Europas ausgleichen sollte. Dies betraf auch vor allem die ČSR, die nach wiederholtem eigenem Eingeständnis ohne die deutschen Randgebiete nicht lebensfähig war. Das Prinzip des Föderalismus war als Ausweg aus diesem Dilemma gedacht. Im Laufe der Verhandlungen mit Jaksch wurde das Interesse Benešs an einem Übereinkommen immer schwächer; er hatte die Deutschen nicht mehr nötig. So verwundert es nicht, dass die Verhandlungen zu keinem greifbaren Ergebnis führten.
Die tschechoslowakische Exilregierung in London unter Beneš hatte unter dem Image zu leiden, dass die tschechischen Rüstungsschmieden reibungslos arbeiteten, die Arbeiter dort mit Zuckerbrot und Peitsche hörig gemacht werden konnten. Um Anerkennung bei den Westmächten zu finden, beschloss Beneš den Plan eines Attentats auf Heydrich. Monatelang bereiteten sich tschechische und slowakische Fallschirmjäger in England darauf vor. Um den Jahreswechsel 1941/42 wurden sie über tschechischem Gebiet abgesetzt. Am 27. Mai schlugen sie zu. Dies war und blieb der einzig erfolgreiche Anschlag auf ein Mitglied der Führungsschicht des nationalsozialistischen Staats.
Das Attentat auf Heydrich und seine Folgen
Eine Welle des nationalsozialistischen Terrors, die als Vergeltung für das Attentat auf Heydrich im Juni 1942 das Protektorat erschütterte und für die insbesondere die Massaker an der Zivilbevölkerung in den Orten Lidice und Ležáky symbolisch standen, war von der bürgerlichen Londoner Exilregierung in Kauf genommen worden. Das Attentat auf Heydrich wurde dabei als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Revision des Münchner Abkommens dargestellt. Die tschechoslowakische Bevölkerung hat damit ihren Widerstand gegen die nationalsozialistische Okkupation bewiesen, was für die spätere Anerkennung der Tschechoslowakei als ein Mitglied der Anti-Hitler-Koalition von entscheidender Bedeutung gewesen ist. In Folge wurden die Soldaten als Widerstandskämpfer verehrt.
Die weltweite Empörung über die Vergeltungsmaßnahme für den Tod Heydrichs kam Beneš unmittelbar bei seinen Verhandlungen zugute, die er am 4. und 25. Juni sowie am 7. Juli 1942 mit dem britischen Außenminister Anthony Eden über die englische Zustimmung zum Transfer der Sudetendeutschen führte. Er erhielt einen positiven Bescheid, womit im Grunde die Würfel gefallen waren.
Der Abbruch der Verhandlungen mit den Sudetendeutschen und vor allem der Zeitpunkt dieses Abbruchs bewies nachträglich mit aller Deutlichkeit, dass Beneš die deutsche Mitarbeit nur insofern etwas wert gewesen war, solange sie zum Mittel im Kampf um die internationale Wiederanerkennung der Vormünchner Republik taugte. Intensiv arbeitete er auf die Wiederherstellung der Tschechoslowakei in den Grenzen vor dem Münchner Abkommen und der möglichst vollständigen Vertreibung der insgesamt 3,4 Millionen Deutschen hin.
Doch es gab auch noch eine zweite Wahrheit, die Beneš als den Machtpolitiker entlarvte, der er war. Infolge seiner Enttäuschung über die 1938 ausgebliebene Unterstützung durch die Westmächte näherte sich Beneš ab 1943 zunehmend an die Sowjetunion als dem wichtigsten Garanten für eine Wiedererrichtung des tschechoslowakischen Staates an. Nachdem die Niederlage Deutschlands im Osten absehbar wurde, unterzeichnete er am 12. Dezember 1943 in Moskau mit Stalin einen tschechoslowakisch-sowjetischen Beistandsvertrag, der auch eine enge Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit festlegte. Bei diesem Treffen stimmte Stalin den Plänen Beneš’ zur Vertreibung der Sudeten- und Karpatendeutschen sowie einer teilweisen Vertreibung und Enteignung der 720.000 Ungarn in der Südslowakei zu. Nachfolgend wurde Beneš zu einem der deutlichsten Befürworter von Stalins Absichten einer Expansion der Sowjetunion nach Westen. Er begrüßte die polnische Westverschiebung, da dadurch Deutschland verkleinert wurde, und sicherte Stalin die Karpatenukraine zu. In Moskau vereinbarte Beneš mit den Kommunisten und Linkssozialisten unter Klement Gottwald die Errichtung einer Nationalen Front, bei der die anderen Parteien der Ersten Republik ausgeschlossen blieben. Im März 1945 reiste er erneut nach Moskau und führte Verhandlungen mit Gottwald über eine Beteiligung der Moskauer Gruppe an seiner Regierung, bei denen er umfangreiche Zugeständnisse machte. Damit war die Grundlage dafür gelegt, dass die Tschechoslowakei im Jahr 1945 in ihren ursprünglichen Grenzen vor 1938 wieder errichtet werden konnte und die sudetendeutsche Bevölkerung vertrieben wurde.