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Lange verschollen - jetzt gefunden

Veröffentlicht am 23.08.2026 in Allgemein

Da ist sie! Jahrelang gesucht, in Budweis auf die richtige Spur gebracht und schließlich in Leipzig gefunden: Franz Kuplents fast vergessenes 30-Seiten-Heft in den Händen unseres neuen Mitglieds Nyke Lou Aßhauer.

 

Ein kleines Heft – eine große Geschichte

Es sind gerade mal 30 Seiten. Und doch haben wir nach ihnen jahrelang gesucht.

Gemeint ist eine kleine Broschüre des sudetendeutschen Sozialdemokraten und Gewerkschafters Franz Kuplent mit dem Titel „Von der Ansiedlungsurkunde (1780) bis zum Kollektivvertrag (1920)“. Schon dieser Titel machte deutlich, dass es um weit mehr ging als um eine historische Rückschau. Kuplent beschrieb den langen Weg der Böhmerwälder Holzhauer und Forstarbeiter aus alten Abhängigkeitsverhältnissen hin zu gemeinsam erkämpften sozialen Rechten. Zwar war die Fron bereits 1848 abgeschafft worden, doch für viele Waldarbeiter änderte das zunächst wenig an ihrer tatsächlichen Lage. Arbeit, Wohnung und ein kleines Stück Land hingen oft weiterhin von den großen Forstherrschaften ab. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, mit der politischen Neuordnung in der Tschechoslowakei, entstanden neue Möglichkeiten. Der Kollektivvertrag von 1920 war deshalb ein entscheidender Schritt: Nicht mehr jeder Arbeiter stand allein dem Arbeitgeber gegenüber, sondern die organisierte Arbeiterschaft verhandelte gemeinsam.

Genau deshalb wollten wir Kuplents Broschüre unbedingt lesen. Doch sie schien verschwunden. Wir kannten den Autor, den Titel, das Erscheinungsjahr und sogar den Herausgeber, das DSAP-Kreissekretariat in Pilsen – nur ein Exemplar ließ sich nicht auftreiben. Über Jahre tauchten immer wieder Spuren auf: Roman Wirkner hatte die Schrift gekannt, bibliografische Hinweise bestätigten ihre Existenz, in internationalen Katalogen erschien sogar eine verstümmelte Titelvariante. Aber kein Digitalisat, kein Scan, kein greifbarer Fundort.

Mit den neuen Möglichkeiten digitaler Recherche und KI nahmen wir die Suche noch einmal systematisch auf. Titelvarianten wurden verglichen, alte Katalogeinträge verfolgt, Bibliotheksbestände in Prag, Pilsen und anderswo geprüft. Immer wieder schien die Broschüre zum Greifen nah – und immer wieder verlor sich die Spur. Schließlich fragten wir bei der Südböhmischen Wissenschaftlichen Bibliothek in Budweis nach. Von dort kam der entscheidende Hinweis: Vielleicht liege ein Exemplar in Leipzig.

Nun ließ sich die Spur konkretisieren. Tatsächlich war Kuplents Broschüre in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig nachweisbar.

Und jetzt kam etwas hinzu, das die Geschichte besonders schön macht: Unser neues Mitglied Nyke Lou Aßhauer lebt in Leipzig und hat dort mit der Deutschen Nationalbibliothek zu tun. Sie konnte sofort nachsehen – und tatsächlich lag das gesuchte Heft dort im Bestand. Aus einer jahrelangen Suche wurde plötzlich ein ganz konkreter Fund. Nyke Lou konnte die Broschüre nicht nur in die Hand nehmen, sondern auch gleich Kopien anfertigen lassen.

Damit zeigt diese kleine Geschichte sehr schön, wie historische Arbeit in der Seliger-Gemeinde funktionieren kann: mit Hartnäckigkeit, mit neuen technischen Möglichkeiten, mit Hinweisen aus Archiven und Bibliotheken – und mit Mitgliedern, die sich dort einbringen, wo ihre Kenntnisse, Kontakte oder schlicht ihr Wohnort weiterhelfen.

Nun sind die Kopien unterwegs. Noch wissen wir nicht, welche Einzelheiten Kuplent auf seinen 30 Seiten festgehalten hat. Aber der Fund selbst ist schon jetzt bemerkenswert: Ein fast vergessenes Heft, das den sozialen Aufbruch der Böhmerwälder Waldarbeiter dokumentiert, ist nach langer Suche wieder greifbar.

Ein kleines Heft – und sehr wahrscheinlich eine große Geschichte.

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