.
Oto Novotný (Mitte) im Gespräch mit Ulrich Miksch (li.) - Thomas Oellermann (re.) als Übersetzer
Vor 20 Jahren: Das Antifa-Projekt der Regierung Paroubek
Ulrich Miksch im Gespräch mit dem Politik-Berater Oto Novotný
Heute polarisiert das Schlagwort „Antifa“: Einerseits tauchen in diesem Jahr mehrmals Hashtags wie #DankeAntifa oder #ichbinantifa bei Twitter in Deutschland auf, andererseits fordern Politikerinnen ein Verbot „der Antifa“, weil sie eine Gefährdung der Demokratie befürchten. Tatsächlich ist die Antifa, entgegen der im Netz weit verbreiteten Verschwörungstheorien, keine Organisation.
Antifaschismus (zusammengesetzt aus griechisch ἀντί antí „gegen“ und Faschismus) bezeichnet eine Haltung, die sich gegen Faschismus richtet. Typisch faschistisch sind eine totalitäre Ein-Parteien-Herrschaft, die auf einem extremen Nationalismus und der Verherrlichung von Stärke und Gewalt basiert. Weitere Merkmale sind ein kultisch verehrter Führer, der absolute Loyalität verlangt, die Unterdrückung Andersdenkender, die Überbetonung von Männlichkeit und Gemeinschaft und die Ausgrenzung sowie Verfolgung von Minderheiten, oft auf rassistischer oder ethnischer Basis. Also eine zu Recht notwendige Gesinnung, deren Verunglimpfung darin gipfelt, dass US-Präsident Trump die Antifa nun als "terroristische Organisation" eingestuft hat. Experten stellen Verfassungsmäßigkeit und Durchsetzbarkeit der Maßnahme berechtigter Weise in Frage.
Noch vor 20 Jahren, war der Begriff „Antifaschismus“, zumindest im deutsch-tschechischen Dialog, durchweg positiv besetzt. In seinem Beitrag beim Herbstseminar 2025 erinnerte sich Oto Novotný, langjähriger Berater verschiedener tschechischer sozialdemokratischer Parteivorsitzender und Premierminister, im Gespräch mit Ulrich Miksch an die Entstehung der wichtigen Entschuldigungsgeste gegenüber den antifaschistischen Sudetendeutschen 2005 durch Ministerpräsident Jirí Paroubek. Diese Initiative, die nach Aussage Novotnýs eine sehr positive Aufnahme in der tschechischen Gesellschaft fand, führte 2007 zur Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises an Jirí Paroubek, der allerdings sehr bald danach eine eher nationalistische politische Perspektive wählte, nachdem er die tschechischen Sozialdemokraten verlassen hatte.
Die sozialliberale Regierung in Prag hatte sich im August 2005, also vor 20 Jahren, erstmals bei der deutschen Minderheit für die bisher ausgebliebene Würdigung ihrer Widerstandskämpfer entschuldigt. Die Regierung, allen voran der aus mährischen Olmütz stammende, sozialdemokratische Premierminister Jirí Paroubek, drückte damals in einer Erklärung ihre Anerkennung für all jene aus, die der Tschechoslowakischen Republik zur Zeit der deutschen Besatzung treu geblieben waren und sich aktiv für die Befreiung vom Nazi-Regime eingesetzt hatten - unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Premierminister Paroubek, so sein Berater Novotný, wollte ein Zeichen der Versöhnung gegenüber den ehemaligen Deutschen in der einstigen Tschechoslowakei setzen. Die Entschuldigung sollte als symbolische Geste an die Verdienste der Antifaschisten unter den Sudetendeutschen während des Zweiten Weltkrieges, die aktiv gegen das NS-Regime aufgestanden waren, erinnern. Tausende von Ihnen kamen in Gefängnisse und Konzentrationslager. Andere verloren ihr Leben. Die Überlebenden kehrten nach dem Krieg mit der Hoffnung auf den Wiederaufbau eines demokratischen tschechoslowakischen Staates aus dem Exil, dem Untergrund oder den Lagern zurück. In einigen Gebieten der Tschechoslowakei, vor allem in Nordböhmen, übernahmen, tschechische und deutsche Widerstandskämpfer bei Kriegsende gemeinsam die Macht aus den Händen der Deutschen und gründeten Nationalausschüsse. Es war die erste derartige Geste Prags gegenüber früheren deutschen Mitbürgern, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf Geheiß des damaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš trotzdem größtenteils enteignet, entrechtet und vertrieben wurden. Obwohl sich die Dekrete nicht auf NS-Gegner bezogen, wurden damals auch sudetendeutsche Sozialdemokraten, Kommunisten oder Geistliche vertrieben.
Ein wichtiges Zeichen der Versöhnung
"Die Regierung äußert ihre tiefe Anerkennung den Bürgern, namentlich deutscher Nationalität, die während des Krieges auf dem Gebiet der Tschechoslowakei lebten, ihr treu blieben und die aktiv am Kampf für ihre Befreiung teilnahmen oder unter dem Nazi-Terror litten", zitierte Ministerpräsident Jiri Paroubek aus der einstimmig von allen Kabinettsmitgliedern angenommenen Erklärung. Das Dokument äußerte zugleich Bedauern darüber, dass sich die nach Kriegsende in Prag dekretierten "Regelungen gegenüber sogenannten feindlichen Personen" häufig genug auch auf Antifaschisten bezogen haben. "Wir streben danach, das Unrecht wieder gut zu machen, das diesen Menschen zugefügt wurde", sagte der sozialdemokratische Regierungschef. Sie seien zu Unrecht als "Feinde der Republik" bezeichnet und vertrieben worden. Zu dieser humanitären Geste sei Prag durch die zunehmend guten Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien ermutigt worden, sagte Novotný. Die offizielle Ehrung der damaligen Antifaschisten sei ein Zeichen von Selbstreflexion gewesen. Waren doch Geschichtsunterricht und Gesellschaft lediglich auf das kommunistische Klassensystem ausgerichtet und blendeten solche Erinnerungen völlig aus.
Obwohl die tschechische Gesellschaft diese Geste sehr positiv aufnahm, kamen negativen Reaktionen namentlich von der oppositionellen liberal-konservativen Bürgerpartei (ODS) und von Präsident Vaclav Klaus, der in diesem Zusammenhang gar meinte, Paroubek habe "den Verstand verloren". War es doch einfach „die Deutschen“ weiterhin negativ zu besetzen und die Vertreibung mit dem Hinweis auf den Nationalsozialismus zu rechtfertigen.
Die Anerkennung der sudetendeutschen Antifaschisten stieß auch bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft nur auf vorsichtige Zustimmung. Hier wurde die Befürchtung geäußert, dass Prag mit der Geste versucht sei, "gute und weniger gute Sudetendeutsche" gegeneinander auszuspielen. Gegenseitiges Misstrauen war weiterhin das Gebot der Stunde.
Die Regierung Paroubek machte zugleich 30 Millionen Kronen (eine Million Euro) frei. Das Geld diente dazu, in den folgenden Jahren die Verdienste der sudetendeutschen Antifaschisten zu dokumentieren. Dieses Projekt zur Aufarbeitung des deutschen Widerstandes gegen Hitlerdeutschland in der ČSR, vor allem basierend auf Zeitzeugenbefragungen und die dazugehörenden Veröffentlichungen „Vergessene Helden“ (Ausstellungen, Bücher, Filme, Rundfunkserien u.v.m.) habe deren bisher weitgehend unbekannte Schicksal auch nachhaltig in der tschechischen Öffentlichkeit bekannt gemacht, so Novotný.
Bei all dem dürfe man aber zuletzt nicht übersehen, dass die Erforschung des Widerstandes unter den tschechoslowakischen Deutschen auch ganz unmittelbar ein Beitrag zur tschechischen Geschichtsschreibung war, betonte Novotný. Und weiter: „Das Zusammenleben mit den Deutschböhmen und Deutschmährern ist ein bedeutender Bestandteil der tschechischen Geschichte. Ohne diesen Teil ist das Verständnis unserer eigenen Geschichte unvollständig und letztlich unmöglich."
Der Vorsitzende der tschechischen Sozialdemokraten, Jiri Paroubek, wurde 2007 im bayerischen Brannenburg mit dem "Wenzel-Jaksch-Preis" der Seliger-Gemeinde ausgezeichnet. Zur Begründung hieß es in dem Schreiben, das der damalige Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, Albrecht Schlänger, an Paroubek geschickt hat: „Mit dem Wenzel-Jaksch-Preis wollen wir Ihren herausragenden Beitrag anerkennen, mit dem Sie sich um die deutsch-tschechischen Beziehungen verdient gemacht haben. Wir wollen auch Ihre mutige Entscheidung hinsichtlich der sudetendeutschen Antifaschisten würdigen.“
Entwicklung startete nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“
Die angesprochenen, freundschaftlichen Beziehungen entwickelten sich schon bald nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, z.B. durch die Entschuldigung Václav Havels für die Vertreibung am 28. Dezember 1989, die Gründung der „Gemeinsamen Historikerkommission“ 1990, aus der Unterzeichnung des „Nachbarschaftsvertrages“ 1992 und der „Deutsch-Tschechischen Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung“ 1997. Die Arbeit des im selben Jahre gegründeten „Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds“ schuf schließlich ein Klima, in dem die tschechische Regierung auf die Sudetendeutschen zugehen konnte.
So erklärte der damalige Stellvertretende Ministerpräsident Egon Lánský auf dem Bundestreffen der Seliger-Gemeinde in Straubing 1998: „Es tut uns leid, dass Euch Unrecht geschehen ist, und ich bitte Euch um Verzeihung... Lassen wir die Vergangenheit hinter uns und wagen wir, auf die Zukunft gerichtet, einen neuen Anfang.“
Novotný selbst, so seine eigenen Ausführungen, gewann den Zugang zur deutsch-tschechischen Vergangenheit über die Böhmerwald-Romane Karl Klostermanns. Hier habe er den Widerstreit Mensch-Natur ganz ohne nationale Zuordnung erfahren und das habe ihm eine neue Perspektive eröffnet.
Vorläufiger Höhepunkt: Die Karl-Kramář-Medaille für Olga Sippl
Den vorläufigen Höhepunkt fand die Entwicklung in der Auszeichnung der Ehrenvorsitzenden der Seliger-Gemeinde Olga Sippl durch den Nachfolger Paroubeks, den sozialdemokratischen Ministerpräsident Bohuslav Sobotka. Sobotka, der gleichzeitig Vorsitzender der tschechischen Sozialdemokraten war, ehrte im Bayerischen Landtag in München die damals 95-jährige Olga Sippl für ihre Verdienste um die Wiederherstellung der Demokratie, der Menschenrechte und Freiheiten sowie für ihr Engagement „für die Entwicklung der tschechisch-deutschen Beziehungen und die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen“. Er verlieh ihr die Karl-Kramář-Medaille, der höchsten Auszeichnung, die vom Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik verliehen werden kann.
Und nun? Der Sudetendeutsche Tag 2026 in Brünn!
Mit der Verbesserung der deutsch-tschechischen Beziehungen haben sich die beiden Länder die Hand gereicht, dann ging es darum, diese Hand zu drücken, fasste Novotný die Gefühlsebene der damaligen Zeit in der Sozialdemokratie zusammen. Heute würden Nationalismus und Populismus trotz der guten deutsch-tschechischen Beziehungen wieder an Macht gewinnen. Das Erreichte komme in Gefahr und man müsse sich dieser Gefahr stellen. Umso mehr freute es die Anwesenden zu erfahren, dass die Entscheidung, den Sudetendeutschen Tag 2026 in Brünn zu begehen, kurz bevorstehe. Ein weiterer Meilenstein in den deutsch-tschechischen Beziehungen!