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Mehr Arbeit für weniger Geld - Bergarbeiterstreik in Kladno 1889
Filmhistoriker Filip Bláha präsentierte den tschechoslowakischen Film „Die Sirene/ Siréna“
Am Samstagabend führte der Filmhistoriker Filip Bláha in einen tschechoslowakischen Film aus dem Jahre 1947 ein. Regisseur Karel Steklý (1903-1987) hat in „Die Sirene/ Siréna“ eine literarische Vorlage von 1935 der Schriftstellerin Marie Majerová (1882–1967) verfi lmt. Steklý gilt als einer der großen Altmeister des tschechischen Films und schrieb bereits in den 1930er Jahren Drehbücher, betätigte sich nebenbei auch als Filmschauspieler und wechselte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ins Regiefach. Der Film erhielt 1947 den Großen Internationalen Preis (später „Goldener Löwe“) der Filmfestspiele von Venedig und einen Preis für die beste Filmmusik. Der Film zeigt Schauspieler wie Ladislav Boháč, Marie Vašeová, Oleg Reif, Naděžda Gajerová, Josef Bek.
Der Historienfilm thematisiert die soziale Lage von Minenarbeitern in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Marie Majerová stammte aus einer armen Familie, besuchte in Kladno die Bürgerschule und war anschließend als Bedienstete in Budapest, Wien und von 1906 bis 1907 in Paris tätig. Ihre schwere Jugend beeinflusste ihr literarisches Schaffen und ihre politischen Ansichten. Zunächst Anarchistin, schloss sie sich 1908 den Sozialdemokraten an und trat 1921 in die Kommunistische Partei ein, wurde aber im März 1929 aus der Partei ausgeschlossen. Später studierte sie an der Sorbonne und bereiste die Welt. In ihren Werken verarbeitete Majerová ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse. Ihr wichtigstes Thema war die schlechte soziale Stellung der Frau in der Gesellschaft. Ein Thema, das sich in jedem ihrer Werke wiederfindet, meist in kleinbürgerlichen Kreisen oder klassenkämpferischen Werken. Siréna war das bedeutendste Werk der Autorin.
Marie Majerová wurde nach ihrem Tod kremiert, ihre Urne wurde bis 1990 im Nationaldenkmal am Veitsberg aufbewahrt und wurde dann, wie die von Klement Gottwald aus dem Nationaldenkmal entfernt und in einem Sammelgrab in den Olšany-Friedhöfen bestattet.
Zur Handlung:
Die überraschend lebendige und überzeugende Erzählung über das Leben einer Arbeiterfamilie während eines Bergarbeiterstreiks zeigt die unermessliche Armut und stolze Entschlossenheit unter den Proletariern. Faszinierend ist vor allem die Darstellung der Arbeit unter Tage und des Zusammenlebens in der Fabrikumgebung.
Der Film beginnt damit, dass die Arbeiter an den Schranken stehen und darauf warten, dass der Zug vorbeifährt. Unter ihnen sind nicht nur Männer, sondern auch eine Frau, Frau Hudcová. Sie ist die Mutter von Rudla, einem Jungen, der jedoch weglaufen will. Er will nicht unter Tage arbeiten. Seine Mutter holt ihn ein und erklärt ihm, dass er keine andere Wahl hat. Sonst kann er seinen Lebensunterhalt nicht verdienen. Die Hudcs haben noch zwei Töchter, die ältere Růžena und die jüngere Emča. Die Kleine bringt dem Vater das Mittagessen, und die Ältere will in die Welt hinaus.
Der Herrscher über die örtlichen Bergwerke und Hütten ist Gottfried (Bohumír) Bacher (1838-1897). Er war österreichischer Bergbauexperte und Direktor der Prager Eisen- und Stahlgesellschaft in Kladno und hier Mitbegründer der Poldi-Hütte. Die Villa Bachrovna in Kladno, erbaut zwischen 1850 und 1854, ist nach ihm benannt und heute ein denkmalgeschütztes Gebäude mit einer reichen Geschichte, war ursprünglich Sitz der Direktoren der Prager Eisenwerke, auch bekannt als Panský dům.
Bacher galt als guter Techniker, behandelte seine Arbeiter aber hart. Um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu steigern, verlangte er mehr Arbeit für weniger Geld. Er führte die sogenannten Lípačky ein , eine Schichtverschiebung und eine zusätzliche Schicht, die erst am Sonntagmorgen endete. Die Arbeiter waren dadurch erschöpfter, verbrachten weniger Zeit mit ihren Familien und verdienten weniger Geld. Infolgedessen hatten die Familien weniger zu essen, die Frauen der Bergleute waren unzufrieden, und schlechte Stimmung breitete sich in den Familien und der Bevölkerung aus. Die prekäre finanzielle Lage der Bergmannsfamilien und die ungleichen Arbeitsbedingungen und Löhne in den verschiedenen Branchen führten zu starken Unruhen. Ähnliche Zustände herrschten jedoch auch in anderen Industriezweigen.
Unten im Schacht wird nicht gearbeitet. Angeblich gibt es keine Wagen. Einer der Bergleute liest allen anderen einen Brief mit den Forderungen vor, die die Bergleute zusammengestellt haben. Der Brief wird Bacher übergeben werden.
Der Bergmann Černý kommt zu seiner Frau, die in der Kneipe ist, doch sie weist ihn schroff zurück. Sie will ihn nicht ernähren. Sie selbst genießt es jedoch hier. Und zwar offenbar gerade mit dem gerade angekommenen älteren Hudec. Sie gibt ihm sogar Geld. Hudec ahnt nicht, dass seine Frau draußen steht und durch das Fenster schaut. Dann geht er hinein und setzt sich zu den beiden, was die Bergleute mit Gelächter quittieren.
Die Bergleute haben ein Treffen, zu dem ein Redakteur aus Prag angereist ist. Er erzählt ihnen, dass im Ausland gestreikt wird, die Bergleute hören zu. Unmittelbar danach tauchen in der ganzen Stadt Flugblätter auf. Ein Flugblatt gelangt bis zu Bacher, der den Bergleuten alles verspricht, wenn sie verraten, wer dahintersteckt.
Vater Hudec kommt betrunken nach Hause, benimmt sich wie ein Tier und flieht schließlich aus dem Haus. Als er zur Kneipe kommt, findet er dort Černý erhängt vor.
Der Streik geht weiter. Bacher bietet mit einem Schild am Tor an, die Sache zu vergessen, aber die Bergleute müssen zur Arbeit erscheinen. Das kommt ihnen nicht in den Sinn, sogar er und andere müssen von den Gendarmen zur Ordnung gerufen werden. Das 11. Infanterieregiment marschierte in Kladno ein, um die Lage zu beruhigen.
Es kommt heraus, dass Bacher die Polizisten aus der Kasse der Gewerkschaft bezahlt. Die Arbeiter sind verärgert und Hudec hält eine Rede. Er wird ins Büro gerufen und sofort entlassen.
Bei den Fronleichnamfeierlichkeiten am 20. Juni 1889, bei der Emča dabei ist, kommt es zu einem Mißverständnis. Ein Polizist zieht sein Schwert. Das ist der Auslöser für die Menge, die sich zum Angriff entschließt. Eine aufgebrachte Menge umstellt Bachers Villa, plünderte sie und setzte sie in Brand. Gottfried Bacher und Bürgermeister Josef Hrabě fliehen feige und die wütende Menge wird erst durch Schüsse der Soldaten gestoppt. Warnschüsse der Gendarmen trafen drei Kinder auf dem gegenüberliegenden, damals noch unbebauten Feld; sie erlagen ihren Verletzungen- Emča ist eine von ihnen. Auch viele Bergarbeiter erlitten Verletzungen.
Die Mutter trägt ihre tote Tochter nach Hause, wo die ältere Růžena Heim und Familie verlässt. ENDE.
Wie ging es nach der Filmhandlung in Kladno weiter?
Der Staat griff hart durch, verhaftete Streikführer und erließ Versammlungsverbote, was den Bergarbeiterstreik von 1889 in Kladno schließlich zum Erliegen brachte, obwohl einzelne Belegschaften bis Anfang Juni weiterstreikten.
Nach dem Scheitern der gewaltsamen Niederschlagung wurde eine Delegation von Bergleuten zum Kaiser geladen, aber nach der Audienz verschärfte sich der Druck durch Verhaftungen und Hausdurchsuchungen, was die Streikbewegung zermürbte.
Durch die staatlichen Maßnahmen und die fortgesetzte Ausübung von Druck begann die Einigkeit unter den Bergarbeitern zu bröckeln.
Obwohl der Streik nicht zu direkten materiellen Verbesserungen für die Bergleute führte, da die Zusagen nicht eingehalten wurden, trug er indirekt zur politischen Entwicklung bei. Er trug maßgeblich zur Aufhebung der Sozialistengesetze, da die bürgerliche Presse das brutale Vorgehen der Regierung scharf kritisierte.